Unverschämt unangestrengt: Sophie Hunger ist der erfolgreichste Schweizer Pop-Export

Mal dies und mal das

Sie lässt sich nicht in banale Klischees pressen: Die eigenwillige Sängerin Sophie Hunger. Foto: Rebetez

Das Leben ist ungerecht. Da verschleißt man einen Gesangslehrer nach dem nächsten oder übt tagein, tagaus drei, ach was, vier Oktaven fassende Vibratohechtsprünge, und am Ende hört sich alles an wie Beyoncé.

Der erfolgreichste Pop-Exportschlager der Schweiz, Sophie Hunger, kann man sich allenfalls als leicht boshaft lächelnden Zaungast solch zausender Darbietungen vorstellen. Die 29-jährige, äußerst wortgewandte, (dunkle) Grenzerfahrungen verschiedenster Art schätzende, viel gereiste Diplomatentochter hat die Stimme. Na gut, vielleicht hat sie bloß eine sehr schöne Stimme. Gleich, was sie mit ihr anstellt, stets klingt sie unverschämt unangestrengt.

Hunger, deren sehr gutes drittes Album „The Danger of Light“ gerade erschienen ist, verwirrt, denn sie singt in vielen Bedeutungsfarben zugleich: Klingt sie auf dem Opener „Rerevolution“ zagend, mitreißend optimistisch oder zu Tode betrübt? Man kann es nicht sagen. Indes halten Ambivalenzen Dramen lebendig, sorgen für Spannung. In einer Art Schwebezustand befindet sich auch die Protagonistin des Songs, eine Revolutionärin im Geiste, die sich nicht dazu durchringen kann, die Initiative zu ergreifen.

Die in Zürich lebende Künstlerin lässt sich ungern festlegen. Als ein Interviewer sie kürzlich fragte, ob sie ein fröhlicher oder ein melancholischer Mensch sei, musste sie beide Male verneinen. Bist du dies, bist du das? Wie blöd, sich in banalste, dem Leben kaum gerecht werdende Klischees pressen zu lassen. Hunger sagt: „Das Konzept Identität habe ich nie ganz begriffen. Ich weiß nicht, was die Leute meinen, wenn sie sagen: Ich bin so und so.“

„So und so“ sind ihre Texte nicht, und die Musik ist es auch nicht. Einen roten Faden gibt es trotzdem. Hunger ist eine fantasiebegabte Autorin: „Ich nehme, was mir im Kopf herumschwirrt, oft ist es nur ein Bild oder ein Wort, das ich wachsen lasse wie einen Pilz.“ Am Ende stehen da elf kleine Geschichten. Sie handeln von Freiheitsstatuen, die sich alles andere als frei fühlen, vom bedrohlichen Durcheinander im Kopf einer Amokläuferin, vom idiotischen Phrasen-Terror des „Neuen“: „30 ist das neue 20, der Mann ist die neue Frau ...“.

Die Songs, geschmackvolle Folk- und Barjazz-Balladen, von Soul getragene Midtempo-Gleiter, anmutige Minimalrocker, leben von einer souveränen Spannung im Aufbau. Hunger hat sie in Los Angeles und Frankreich, mithilfe des Warpaint-Produzenten Adam Samuels und verschiedenen Gastmusikern aufgenommen.

Die Songs sind luftig arrangiert, wie sie kompakt erscheinen. Und transparent, niemals verwaschen - man kann jede Note glasklar hören, jedes Gitarrenpicking, jedes schwebende Posaunensolo.

Sophie Hunger: The Danger of Light (Two Gentlemen / Rough Trade). Wertung: !!!!:

Von Michael Saager

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