Weil seine Tochter nicht einschlafen konnte, hat der US-Autor Adam Mansbach einen Bestseller geschrieben

Ein Fluch zum Einschlafen: Überraschungs-Bestseller des US-Autors Mansbach

Harte Worte zu süßen Bildern: Das Cover der Original-Ausgabe von „Verdammte Scheiße, schlaf ein!“. Fotos: Dumont/nh

Eines Abends, als US-Schriftsteller Adam Mansbach seiner zweijährigen Tochter Vivien ganz lang vorgelesen und noch länger an ihrem Bett ausgeharrt hatte, war er mit den Nerven am Ende. Er war gerade dabei, sich aus dem Zimmer zu schleichen, da sagte seine Tochter: „Wohin gehst du?“

Mansbach ging nicht zu seiner Frau ins Wohnzimmer, sondern setzte sich ein weiteres Mal ans Bett. Als seine Tochter irgendwann doch noch eingeschlafen war, postete der 34-Jährige aus Philadelphia auf Facebook: „Haltet Ausschau nach meinem neuen Kinderbuch: ,Go the Fuck to Sleep’.“

Diesen Blick kennen Eltern: Kinder, die nicht schlafen wollen, die man aber auch nicht weinen lassen will.

Das war nur ein Witz, aber daraus ist eine der ungewöhnlichsten Erfolgsgeschichten geworden - auch wenn es kein Kinder-, sondern ein Buch für geplagte Eltern ist. Der 32-seitige Bestseller, in dem Mansbach reimt, dass das Kind verdammt noch mal einschlafen möge, stand in den USA beim Internethändler Amazon bereits auf Platz eins, als es noch gar nicht zu kaufen war. Darum zog der New Yorker Verlag Akashic Book den Erscheinungstermin gleich um sechs Monate vor. Der Schauspieler Samuel L. Jackson („Pulp Fiction“) liest das Hörbuch, die Filmrechte sind verkauft und Übersetzungen in 20 Sprachen geplant.

Die deutsche Version „Verdammte Scheiße, schlaf ein!“ erscheint nun bei DuMont. Schon jetzt gibt es bei Amazon so viele Vorbestellungen, dass es in der Bestsellerliste zwischenzeitlich auf Rang fünf stand. Verleger Jo Lendle hat die Verse, die zwischen süßer Kinderbuchidylle und genervter Elternlyrik wechseln, bestmöglich ins Deutsche übersetzt. So heißt es: „Der Tiger dämmert im Dschungel. / Der Spatz lässt das Zwitschern sein. / Scheiß auf den Teddy, ich hol überhaupt nichts. / Augen zu. Keine Zicken. Schlaf ein.“ An die englischsprachige Version mit dem wuchtigen und provokativen „Fuck“ kommt das naturgemäß jedoch nicht heran.

Auf dem Original-Cover des Illustrators Ricardo Cortés ist das F-Wort geschickt in den Mond eingebunden. Und wenn Mansbach, der für seinen Roman „The End of the Jews“ gute Kritiken erhielt, Interviews für den US-Nachrichtensender CNN gibt, muss in jedem dritten Satz ein „Fuck“ durch ein Piepen ersetzt werden.

Interessanter als das Buch ist jedoch die Frage, warum es so erfolgreich ist. Mansbach glaubt, dass das Elternsein heute durch eine „Kultur der Perfektion“ bestimmt werde: „Ich habe Gefühle artikuliert, die wir alle empfinden.“ Bislang traute sich das aber niemand zu sagen. Auf dem Spielplatz wird man von anderen Eltern schon schief angeschaut, wenn man kurz mal Zeitung liest, statt mit den Kleinen im Sand zu spielen.

Der deutsche Schriftsteller Joachim Lottmann stellte bereits 2004 in „Die Jugend von heute“ fest, dass „das Verhältnis der neuen deutschen Eltern zu ihren Kindern schlicht religiös“ ist: „Sie beteten die Kleinen an.“ Wer „Go the Fuck to Sleep“ auch nur denkt, betreibt demnach Gotteslästerung.

Seiner Tochter vorlesen will Mansbach das Erfolgswerk erst, wenn Vivien alt genug dafür ist. Auf seiner Facebook-Seite machen Eltern, die sich endlich verstanden fühlen, derweil Vorschläge für eine Fortsetzung. Eine Mutter, deren Teenager nie vor drei Uhr nachmittags aufstehen, wünscht sich: „Wake the Fuck up!“.

Adam Mansbach: Verdammte Scheiße, schlaf ein! DuMont, 32 Seiten mit 18 farbigen Illustrationen, 9,99 Euro.

Wertung: *** (drei von fünf Sternen)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.