Johannes Twielemeier zeigt im Sepulkralmuseum in Kassel Fotos aus Garzweiler II

Diese Grube ist ein Grab

Zuerst verschwindet das Grün: Einfamilienhaus im künftigen Braunkohletagebaugebiet. Fotos: Museum

Kassel. Warum stellt das Museum für Sepulkralkultur in Kassel, das sich mit Themen rund um Tod und Sterben beschäftigt, Fotos aus verlassenen Dörfern aus, die dem Braunkohleabbau Garzweiler II weichen müssen? Weil der endgültige Abschied von der Heimat, den Bewohner verschwundener Orte wie Otzenrath und Inden vollziehen, vielleicht mehr mit dem Abschied von geliebten Menschen zu tun hat, als man zunächst annehmen mag.

Sieben Jahre hat der Aachener Fotograf und Steinbildhauer Johannes Twielemeier immer wieder fotografiert, wo 7500 Menschen wegziehen mussten (siehe Hintergrund): Nach und nach wird alles Leben ausgelöscht. Häuser werden verbarrikadiert, zugemauert, später lässt der Konzern alles Grün roden. Bäume, auf die man vielleicht als Kind geklettert ist: für immer in der gigantischen Grube verschwunden.

Dann sind die Häuser selbst dran. Selbst Friedhöfe werden verlagert, Grabsteine ausgegraben, Gebeine umgebettet. Manchmal wird der Alltag noch auf absurde Weise fortgesetzt, erzählt Twielemeier, Litfasssäulen werden in der Geisterlandschaft plakatiert, Straßenlaternen brennen. Aber es kommt auch zu Plünderungen und Vandalismus, einer Familie wurde die Sat-Antenne gestohlen, während sie fernsah.

In all den Jahren sei er nicht richtig dahinter gekommen, sagt Twielemeier, was der Umzug für die Betroffenen wirklich bedeute. Obwohl er beobachtet hat, wie schwer sie sich damit tun, wenn sich etwa gewachsene Nachbarschaften auflösen. Auch nach dem Umzug nach Neu-Otzenrath oder Neu-Inden halten sie am Vergangenen fest. Sie mähen noch den Rasen, schneiden Hecken, ernten in den alten Gärten.

Das Gefühl eines Verlusts bleibt, wenn das frühere Leben so vollkommen ausradiert ist, es fällt schwer, in einen neuen Alltag zu finden. In diesen Verlusterfahrungen sieht Gerold Eppler, stellvertretender Leiter, den Bezug zum Museum. Für ihn sind Twielemeiers sehr eindrucksvolle Aufnahmen vor verhangenem Himmel (die durch eine schöne Steinskulptur und eine Foto-Installation ergänzt werden) Vanitas-Motive, also Bilder der Trauer und Vergänglichkeit: ruhig, präzise und melancholisch.

„Die Bilder sollen einem auf die Pelle rücken“, sagt Twielemeier. Dem Energiekonzern sind sie nicht recht. Werkschutz und Polizisten versuchten, sein Fotografieren zu unterbinden. Am Niederrhein fällt es ihm schwer, Aufmerksamkeit für die Bilder zu finden: „Dort will man nur nach vorn schauen. Dieses Sterben findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.“

„Orte ohne Wiederkehr“. Bis 12. September, Weinbergstr. 25-27. www.sepulkralmuseum.de, Di-So 10-17, Mi-10-20 Uhr, Führung mittwochs 18 Uhr.

Von Mark-Christian von Busse

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