Trara und Tamtam: Irritierende Werke von Edward und Nancy Kienholz zeigt die Frankfurter Schirn

Diese Kunst springt ins Auge

Spiegelt soziales Elend: „The State Hospital“ (1966) Foto: Museum

Frankfurt. Ein obszön zurechtgemachter Flipper-Automat, gotteslästerliche Kruzifixe und Anzettelung eines Protestes gegen die Bundesregierung: Edward und Nancy Kienholz hauen in ihrer Frankfurter Ausstellung mächtig auf die Pauke.

Die Schirn Kunsthalle zeigt kleine Objekt-Arrangements und raumgreifende Installationen der beiden US-Amerikaner, die sich um Religion, Sex, Krieg und Gewalt gegen Minderheiten drehen.

Schufen Anrührendes und Abstoßendes: Das Künstlerpaar Edward und Nancy Kienholz in den 70ern. Foto: privat/nh

Der Farmersohn Edward Kienholz (1927-1994) bereitete sich mit Gelegenheitsjobs als Gebrauchtwagenhändler, Restaurantbesitzer, Nachtwache in einem psychiatrischen Krankenhaus und Schrottplatzarbeiter auf seine künstlerische Karriere vor. Ab den 1960er- Jahren hatte der zweifache documenta-Teilnehmer (1968, 1972) großen Erfolg mit Werken, die er aus ausrangierten Alltagsgegenständen sowie Fundstücken vom Flohmarkt und Schrottplatz zusammenbaute. Seit 1972 half ihm die 1943 geborene Nancy Reddin, die seine fünfte Ehefrau wurde, bei der Kunstproduktion.

Edward Kienholz starb 1994 nach einer Herzattacke. Auf eigenen Wunsch erfolgte sein Abgang in die ewigen Jagdgründe mit großem Tamtam. Beigesetzt wurde er in seinem 1940er Packard, einen Dollar und ein Kartenspiel in den Taschen sowie eine Flasche guten Wein auf dem Rücksitz.

Kienholz’ Kritik an der Staatsmacht: „The Ozymandias Parade“ (1985). Foto: Weilding/nh

Die Frankfurter Schau zeigt Werke aus allen Schaffensphasen. Eines der anrührendsten und zugleich erschreckendsten Werke nennt sich „The State Hospital - die Landesanstalt“ (1966). Wir stehen vor einem Verschlag aus schmuddeligen, weiß gestrichenen Holzwänden. Die Tür weist ein Gitterfenster auf. Im spärlich beleuchteten Raum liegen zwei nackte, stark abgemagerte Männer zusammengekrümmt auf einem Bett. Die Köpfe sind durch eine Glaskugel mit schwarzen Fischen ersetzt. Die Hände sind an das Metallgestänge des Bettes gefesselt. Als Modell für den Gipsabguss hatte sich ein schwer krebskranker Bekannter von Kienholz zur Verfügung gestellt. Die Installation basiert auf Beobachtungen, die Kienholz als Pfleger in einer psychiatrischen Anstalt machte.

Mit einigen anderen Beobachtungen, die Kienholz und seine Frau zu Arbeiten anregten, ist es aber nicht weit her. Übelstes Beispiel ist der obszöne Flipper-Automat. Das Paar hatte beobachtet, dass die männliche Jugend im Eifer des Flipperspiels zu Stößen mit dem Unterleib neigt. Daraufhin entstand „The Bronze Pinball Machine With Woman Affixed Also“ (1980). Vor den Flipper ist der Bronzeabguss einer nackten Dame ohne Oberleib montiert, deren Geschlechtsteil als Münzeinwurf dient. Ziemlich billig.

Das gilt auch für die Verhohnepipelung des christlichen Glaubens unter dem Titel „76 J. C. s Led The Big Charade“ (1992-94). Das atheistische Paar hatte auf Flohmärkten gekaufte Christusbildchen mit Leiterwagendeichseln, an die Hände und Füße von Puppen montiert sind, zu eigenwilligen Kruzifixen verarbeitet. 76 dieser Objekte hängen wie Jagdtrophäen an der Wand.

Mit großem Trara endet die Schau. „The Ozymandias Parade“ (1985) besteht aus einem ausladenden Podest, auf dessen verspiegelter Standfläche Unmengen von Material ausgebreitet sind. Das Werk soll laut Kuratorin Martina Weinhart „als universelle Kritik an Führung und Staatsmacht fungieren“. Bereits im Vorfeld der Schau konnte man sich im Internet unter www.jajaneinnein.de an einer Abstimmung beteiligen. Die simple Frage lautet: „Sind Sie mit Ihrer Regierung zufrieden?“ Klicken kann man auf „Yes“ oder „No“.

Das Ergebnis der deutschen Abstimmung zeigen die drei Hauptfiguren der Installation: Der auf dem Bauch seines sich aufbäumenden Pferdes reitende Regierungschef, sein Vize, dessen Pferd tot zusammengebrochen ist, und ein General, der auf dem Rücken einer die geknechteten Steuerzahler symbolisierenden Frau sitzt. Alle drei tragen eine Augenbinde mit der Aufschrift „No“.

Bis 29.1.2012 in der Schirn Kunsthalle, Römerberg, Frankfurt. Di, Fr-So 10-19 Uhr, Mi, Do 10-22 Uhr. Tel. 069  / 29 98 820, www.schirn.de. Eintritt: 7 Euro. Der Katalog kostet in der Ausstellung 27,80 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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