Gustav Mahlers Werk ergreift auch 100 Jahre nach seinem Tod mit seiner Intensität und Wahrhaftigkeit

Diese Musik ist der Hammer

Kassel. Als Direktor der Wiener Hofoper hatte Gustav Mahler von 1897 bis 1907 den wichtigsten Posten der damaligen Musikwelt inne. Mahler war der erste Stardirigent. Doch seine Kompositionen wurden kaum verstanden. „Meine Zeit wird kommen“, sagte er - und behielt Recht. Am heutigen 100. Todestag Mahlers nennen wir zehn Gründe, warum seine Musik so wichtig ist.

1. Starke Gefühle

Gustav Mahler hat die Musik durch eine Tonsprache bereichert, die Gefühle so intensiv wie nie zuvor zum Ausdruck bringt. Dazu ist ihm jedes Mittel recht - sogar „Hässlichkeit“, wenn er Kontrabässe in der ersten Sinfonie einen Gassenhauer in ganz hohen Tönen kratzen lässt. Aber auch den Überschwang an der Grenze zum Kitsch scheut er nicht.

2. Die „anderen“ Lieder

Lieder hat Mahler komponiert, die individuelle Gefühle ebenso ausdrücken wie das „Weltgetümmel“. Die passenden, durchaus auch ironischen Texte fand er in Sammlungen wie „Des Knaben Wunderhorn“ oder bei Friedrich Rückert. Die Lieder wanderten auch in die Sinfonien ein, so „Des Antonius zu Padua Fischpredigt“ in die zweite Sinfonie.

3. Kosmische Liebe

Wie lässt sich Liebe musikalisch ausdrücken? Gustav Mahler hat dieses Gefühl in seiner kosmischen Form zu erfassen versucht: im Adagio-Finale der dritten Sinfonie „Was mir die Liebe erzählt“.

4. Tradition

Mahler legt als musikalischer Neuerer großen Wert darauf, auf dem Boden der musikalischen Tradition zu stehen. Dazu gehört die Dur-Moll-Tonalität, dazu gehört aber auch die traditionelle, von der Wiener Klassik entwickelte Form der Sinfonie. In seiner vierten Sinfonie erweist Mahler dieser Tradition seine Reverenz.

5. Langsame Sätze

Wenn es Musik gibt, die man nie aufhören lassen möchte, dann gehören dazu Mahlers langsame Sinfonie-Sätze. Sie können alles ausdrücken: Sehnsucht, Trauer, Verzweiflung und Tröstung. Am berühmtesten wurde das Adagietto aus der fünften Sinfonie - als Filmmusik für Viscontis „Tod in Venedig“

6. Der Holzhammer

Mahler zeigt in seinen Sinfonien, dass Musik so weit gehen kann, dass man es kaum aushält. Vor dem als Vernichtungsschlag gedachten Schlag mit einem riesigen Holzhammer in der sechsten Sinfonie kann man sich fürchten.

7. Der Volksredner

Mahler will sinfonische Musik allgemein verständlich machen. Alle sollen hören, worum es ihm geht: Um Idylle zu zeigen, lässt er in seiner siebten Sinfonie sogar Herdenglocken läuten.

8. Größenwahn

Modern ist Mahlers Größenwahn in der achten Sinfonie: die Riesenbesetzung als „Sinfonie der Tausend“, aber auch sein Anspruch mit der Vertonung zweier Menschheitstexte, Goethes „Faust II“ und des Pfingsthymnus „Veni creator“.

9. Leiden am Leben

Das Leben ist schön, aber wie schrecklich ist das Sterben! Kein Komponist hat so eindringlich Abschied vom Leben genommen wie Mahler mit seiner neunten Sinfonie.

10. Wegbereiter der Moderne

„Mahler ist moderner als (der Zwölftöner) Berg“ sagte der Dirigent und Mahler-Spezialist Claudio Abbado kürzlich. Er meinte damit die entrückten Klangflächen der zehnten Sinfonie - ein Ausblick in eine zukünftige Welt.

Gustav-Mahler-Festtage in Kassel: Donnerstag, 19.5, 20 Uhr, Opernfoyer: Liederabend Dagmar Pecková. Mahler, Wagner, Strauss / Montag, 23.5., 20 Uhr, Stadthalle: Staatsorchester Kassel. Mahler: 9. Sinfonie. Dirigent: Yoel Gamzou / Freitag, 27.5., 19 Uhr, Opernhaus: HR-Sinfonieorchester. Skrjabin: „Rêverie“, Mahler: Lieder eines fahrenden Gesellen, Schostakowitsch: 8. Sinfonie. Michael Nagy, Bariton. Dirigent: Teodor Currentzis. Karten: Tel. 0561/1094-222.

Von Werner Fritsch

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