Die Braunschweiger Künstlerin Hanna Nitsch zeigt im Bad Arolser Schloss Installationen und Zeichnungen

Diese Schau geht ans Herz

Erotisches Locken, ein Schnitt in der Stirn, eine blutige Wunde? Hanna Nitsch schafft riesige, verstörende Tuschezeichnungen.

Bad Arolsen. Schrecklich. Süßlich. Kitschig. Ein falsches Idyll. Wie die Harlekin-Poster in manchem Mädchenzimmer. Fehlt nur noch die Träne auf dem unechten Pierrot-Antlitz.

Könnte man denken, wenn man manche Reproduktion der großformatigen Tuschezeichnungen von Hanna Nitsch betrachtet. Doch erstens unterscheiden sich die Abbildungen von den Originalen, die ab heute in den wunderbaren Räumen des Bad Arolser Residenzschlosses hängen, auf verblüffende Weise. Zweitens sorgt die in Braunschweig lebende Künstlerin für Irritationen, die den Eindruck des Zuckersüßen zerstören. „Ihre Porträts kratzen sich in die Seele des Betrachters“, hat ihr Künstlerkollege Arno Kramer gesagt.

Nitsch geht so vor: Sie fotografiert ihre Kinder (zwei Töchter, einen Sohn) bei Rollenspielen, wenn diese sich verkleiden oder schminken. Die Aufnahmen vergrößert sie ins Monumentale: In mehreren Arbeitsgängen, in denen die riesigen Papierbahnen auch gewässert und so geglättet werden, schafft sie matte Tuschen mit kräftigen Farbakzenten. Sie hängen rahmenlos, zu Blöcken gruppiert, im Raum.

Verwandlungen, Grenzüberschreitungen, Verfremdungen, Fantasie - all das spielt in ihren gleichzeitig realistischen und unwirklichen Bildern eine Rolle. Kindlich-unschuldiges Spiel, das ins Aggressive, Gewaltsame kippt. Eine Armbrust, die sich auf den Betrachter richtet. Rot wie Blut, als seien das Wunden auf den Wangen. „Kinder sind ja nicht immer Engel“, sagt Udo Reuter vom Museumsverein, der auf Messen auf die Künstlerin aufmerksam wurde.

Mädchen, die Lippenstift und Rouge auftragen, die ganz Dame sein wollen. Gefährlicher Lolita-Blick. Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund. Der verstörende Übergang vom Kind zum Erwachsensein: Vielleicht steht der Ausstellungstitel („der kurz andauerende Genuss der Erdbeere“) auch für dieses allzu schnelle Vergehen der empfindsam-verletzlichen Kinderjahre.

Einige Motive kehren wieder, auch in den Installationen, die Nitsch in der Reihe „made for Arolsen“ entworfen hat: Das flammende Herz, mal durchbohrt von Amors Pfeil oder als Nachbildung aus kunststoff-umhüllten Stroh. Die Trophäe eines Rehs. Wachs (wie Beuys Fett und Filz hatte), Feuer und Kupferdrähte. Im Wald, den Nitsch gezeichnet hat, scheinen Gespenster zu lauern, Geisterwesen, Fantasygestalten. Vielleicht Abbilder unheimlicher Vorstellungswelten, in der Kinder heute leben.

14 Tage hat Nitsch in Arolsen gearbeitet. In einigen Räumen bezieht sie sich auf die barocke Umgebung, die Mischwesen, Satyre, an der Decke oder auf Vanitas-Motive, Bilder der Vergänglichkeit. Zahllose Köpfchen aus mit Wachs überzogenem Gips schweben, an unterschiedlich langen Kupferdrähten, wie Puppenköpfe mit hohlen Augen im Raum. Ein Memento Mori, „gedenke des Todes“, eine Gedenkstätte.

Eröffnung heute, 19 Uhr. Bis 4.12., Mi-Sa 14.30-17, So 11-17 Uhr. Führungen: So 11 Uhr und n.V., Infos: Tel. 05691/625734, www.museum-bad-arolsen.de Katalog: 12 Euro.

Von Mark-Christian von Busse

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