Neu im Kino: „Wer wenn nicht wir“ über die Vorgeschichte der RAF und die Radikalisierung von Ensslin

Diese stechende Unbedingtheit

Wer zweimal mit der selben pennt, gehört schon zum Establishment: Sex ist politisch im Film „Wer wenn nicht wir“. Unser Foto zeigt August Diehl als Bernward Vesper, Alexander Fehling als Andreas Baader (hinten) und Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin. Foto: Senator

Das ist nicht einfach nur ein Filmtitel. „Wer wenn nicht wir“ ist die zur Antwort geronne Frage der Gudrun Ensslin. Sie wollte erreichen, was ihr Vater zu Nazi-Zeiten nie geschafft hat: Widerstand gegen das System. Ein Widerstand, der sie mit zwei Männern verband und der aus einer Pfarrerstochter eine Terroristin machte, die über Leichen ging.

Der neue Streifen von Andres Veiel will Ensslins Weg nicht nur zeigen, sondern erklären. Und so sieht der Zuschauer zu Beginn das Zusammentreffen mit Schriftsteller Bernward Vesper (August Diehl). Schnell teilen die beiden nicht nur Bett, sondern auch Ideen. Gerade Ensslin (Lena Lauzemis) will mit dem scharfen Schwert des Wortes angehen gegen die als unerträglich empfundenen Zustände, gegen das Establishment, welches noch schwer atmet vor Vergessen und Verdrängen.

Sex ist eine Waffe

Ensslin und Vesper bringen bald darauf Schriften heraus, verlegen Bücher. Doch dann kommt der Wendepunkt: Ensslin schließt sich Spring-ins-Feld Andreas Baader (Alexander Fehling) an. Baader will Gewalt statt Worte sprechen lassen, legt Bomben und riskiert Tote. Ensslins Augen bekommen derweil eine stechende Unbedingtheit, ihre Stimme wird härter.

Für Veiel ist Sex einer der Schlüssel zur Radikalisierung Ensslins. Denn es knistert mächtig zwischen Baader, Ensslin und Diehl, und das nicht nur in politischer Hinsicht. Ensslin trägt in einer Szene ihre Schambehaarung in der Wohnung spazieren – Sex wird hier auf einmal zur politischen Willensbekundung.

Doch in dem Film wird Ensslin fast plötzlich radikaler, gibt dafür nicht nur den an die Macht der Worte glaubenden Vesper auf, sondern auch das gemeinsame Kind. Vollständig erklärt wird das nicht. Zur Militanz trugen auch Ereignisse wie der Vietnam-Krieg und der Tod von Rudi Dutschke bei, die gekonnt in Rückblenden aufblitzen. Aber es muss mehr gewesen sein als die aufflammende Liebe zu Baader, ihre Unterwerfung, die aus der blitzgescheiten Doktorandin eine Jüngerin des Terrors machte – auch wenn aus Eifersucht und Liebe schon Kriege geführt wurden.

Dass andere Ursachen der Radikalisierung im Nebel bleiben werden, ist vielleicht auch ein Tribut an die Kinofassung, die eine Stunde kürzer ist als ursprünglich von Andres Veiel angefertigte.

Die zentralen Fragen

Der Film „Wer wenn nicht wir“ mit dem formidablen Trio Lauzemis/Diehl/Fehling kondensiert zu der zentralen Frage der damaligen Zeit: Rechtfertigt der politische Kampf alle Mittel? Soll dieser Kampf innerhalb des Systems oder außerhalb geführt werden? Die RAF hat das mit „Ja“ beantwortet. Andres Veiel zeigt nicht diese sattsam bekannten Szenen des Deutschen Herbstes, die sich bereits ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Sein Verdienst ist es vielmehr, dessen Vorgeschichte auszuleuchten, ohne die manches unverständlich bliebe.

Genre: Filmdrama

Altersfreigabe: Ab 12 Jahre

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Philipp David Pries

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