Comedian Oliver Polak zu Gast in Vellmar

Dieser Jud ist gut

Vellmar. Oliver Polak konnte froh sein, dass sie im Vellmarer Piazza keinen Nazometer haben. Harald Schmidt und Oliver Pocher verwendeten das Gerät einst in ihrer ARD-Show, und immer wenn einer einen Nazi-Witz machte, blinkte und piepte es. Beim Auftritt des Berliner Comedians hätte der Nazometer nach einer halben Stunde wegen Überlastung den Geist aufgegeben.

Schon bevor das Programm „Jud süß sauer“ begann, hätte es zum ersten Mal gepiept. Eine Stimme begrüßte die Zuschauer als „Herrenrasse“, später erzählte Polak, dass er an Hitler denken müsse, wenn er unter der Dusche stehe. Und als er auf den Streik der Lokführer zu sprechen kam, wünschte er sich, dass die Bahn vor 70 Jahren hätte streiken sollen: „Dann wäre uns viel Ärger erspart geblieben.“

Einige der 80 Zuschauer lachen nicht sofort. Erst nach einer kleinen Pause kommt dieses Lachen, das wie eine Frage klingt: „Darf der das?“ Die Antwort hat Polak mit seinem Buch „Ich darf das, ich bin Jude“ gegeben. Der gebürtige Papenburger, dessen Vater die Konzentrationslager überlebte, macht seine jüdische Identität zum Programm. Das ist im Prinzip nichts anderes, als wenn türkische Komiker über ihr Türkischsein witzeln.

Aber weil zur Geschichte der Familie Polak auch die Shoah gehört, geht es auch um den Tabubruch. Einmal erzählt der 35-Jährige, wie eine Erzieherin die Kinder mit der Gewitterweisheit belehrte: „Vor Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen.“ Erst nachdem er von seinen Großeltern berichtete, die im KZ Buchenwald umgebracht wurden, durfte er unter Eichen stehen bleiben.

Polak ist derbe und sieht in seiner Jogginghose prollig aus, aber er führt uns effektreich unsere Klischees vor, als er Namen vorgibt, und das Publikum entscheiden soll: „Jude oder normal“. Bei Michel Friedman ist die Antwort leicht, aber als man bei Pinocchio, dem Lügner mit der langen Nase, und dem schwulen Moderator Alfred Biolek ins Grübeln gerät, fühlt man sich ertappt.

Von Matthias Lohr

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