Das großartige US-Quartett Animal Collective erfindet sich mit einer Rolle rückwärts neu

Bei dieser Band piept’s wohl

Tolle Musiker mit vielen Ideen: David Portner (von links), Joshua Dibb, Noah Lennox und Brian Weitz. Foto: nh

Es mag sein, dass jede Platte von Animal Collective ein unbedingt nachahmenswertes Verbrechen an der Eindeutigkeit ist. Das war schon vor 13 Jahren so, als das Quartett aus Baltimore noch psychedelisch-psychotischen Lärm machte.

Bands, die Gewohnheiten von den Rändern her aufreißen und kleine Inseln der Unordnung in ein schier endloses Meer musikindustriell vorgestanzter Hörererwartungen setzen, denen sollte man die Hände schütteln, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Aus Dankbarkeit.

Doch was tun, wenn das Unterwandern von standardisierter Gleichförmigkeit in eine Zeit fällt, in der viele Avantgarde-Indiebands diesen Job erledigen, und das gar nicht mal schlecht? Animal Collectives neuntes Album „Centipede Hz“ ist so eine Sache. Man sollte beim Hören besser hervorragende Laune haben und eins sein mit der Welt.

Es ist eckig, schrill und wahnsinnig vollgestopft. (Radio-)Frequenzen überlagern sich. Es rauscht und brummt und piept. Zahlreiche Beats poltern einem gleichzeitig um die Ohren, und der Gesang klingt wie Presswurst. Da darf schon mal gemosert werden: Immer diese wie von wilden Hunden gehetzte, nach hinten und vorn, oben und unten schielende Musikermusik der tausend superschlauen Ideen und Einflüsse, puh.

Hatte man etwas anderes erwarten dürfen? Durchaus, nach der Kooperation von Noah Lennox mit dem aus Kassel stammenden Techno-Komponisten Pantha du Prince; nach Panda Bears CD „Tomboy“, wo repetitive Sounds auf einfache, aber originelle Beats treffen; nach Avey Tares Album „You Can Count on Me“ - schlanke Psychedelic-Skizzen auf dunklem, erdigem Grund. Ein reduziertes Dancefloor-Album der Zukunft wäre denkbar gewesen.

Pustekuchen. Das allseits geschätzte Quartett erfindet sich lieber rückwärts, besinnt sich laut Selbstauskunft „auf alte Zeiten“. Die Band hat sich, nachdem sie es leid war, Soundschnipsel via Internet auszutauschen, einen Monat im Studio vergraben. Vier tolle umtriebige Musiker auf einem Haufen - macht: zu viele Ideen? Auch das. Live aufgeführt ist „Centipede Hz“ gewiss eine Wucht. Weil mehr auf der Bühne tatsächlich mehr ist.

Der Track „Wide Eyed“ ist allerdings toll: einprägsame Gesangsmelodie im Zentrum, schwerer präziser Pendel-Groove, dramatisch-coole Bassline. Und drumherum zischen originelle Synthiesounds auf schiefen Bahnen durch steile Kurven. Klingt ausgesprochen frisch.

Animal Collective: Centipede Hz (Domino/Good to go). Wertung: !!!::

Von Michael Saager

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