Lucian Freud, einer der teuersten Künstler der Gegenwart, ist tot

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Turbulentes Privatleben: Lucian Freud.

Ich wünsche mir“, hat der bereits Mittwochnacht 88-jährig in seinem Londoner Haus gestorbene Maler Lucian Freud einmal gesagt, „dass meine Porträts sozusagen die Leute selbst sind, nicht nur deren äußere Erscheinung.“

Freuds Gemälde, die zu den teuersten Werken der Gegenwartskunst gehörten, sind schonungslos, drastisch, erbarmungslos ehrlich. „Ich habe nie etwas in ein Bild hineinbringen können, was nicht wirklich da war. Das wäre eine zwecklose Lüge, eine Künstlichkeit“, rechtfertigte sich der Maler, dessen Tod nach längerer Krankheit seine Agentin Donnerstagabend bekanntgab.

Lucian Freud, am 8. Dezember 1922 in Berlin geboren, war das mittlere von drei Kindern Ernst Freuds, jüngster Sohn von Psychoanalytiker Sigmund Freud. Lucians Mutter Lucie Brasch entstammte einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. 1933 emigrierte die Familie. Lucian, 1939 britischer Staatsbürger, ging schon mit 14 Jahren an die Londoner Central School of Arts, später ans Goldsmith College.

Es war das teuerste Bild eines lebenden Malers: Lucian Freuds „Benefits Supervisor Sleeping“ (1995) von der Arbeitsamtsangestellten „Big Sue“, 2008 bei Christie’s für den Rekord von 33,6 Mio. US-Dollar vom russischen Milliardär Roman Abramowitsch ersteigert.

Zunächst fiel er, vom Surrealismus beeinflusst, als Zeichner auf. 1954 nahm er mit seinem Freund Francis Bacon an der Venedig-Biennale teil. Seit den 60er-Jahren malte er, dicke Farbschichten auftragend, die Gemälde beinahe wie ein Bildhauer modellierend, seine Porträts, in denen er Fleischlichkeit und Vergänglichkeit in den Mittelpunkt rückte. Viele Betrachter fanden seine unbarmherzigen Bilder, die die Genitalien ausstellten und Falten, Fettwülste und hängende Brüste zeigten, abstoßend hässlich. Models wie Kate Moss oder Mick Jaggers Ex-Frau Jeryl Hall hielt sein wenig schmeichelhafter, sezierender Realismus nicht davon ab, sich auf berüchtigte, weil stundenlange Sitzungen mit dem Maler einzulassen. Selbst Königin Elisabeth II. ließ sich von Freud porträtieren - mit schwerer Krone, müde, wie niedergedrückt unter großer Last und Bürde. Freud malte das beschädigte Leben mit einer Schutzlosigkeit und Intensität, die kaum auszuhalten ist.

Auch in Zeiten der Hochkonjunktur der Abstraktion hatte Freud konsequent und konservativ an figürlichen Darstellungen festgehalten. Erst nach einer großen Retrospektive 1988 - auch in der Neuen Nationalgalerie Berlin - wurde er in die Top-Liga des Kunstmarktes katapultiert. Nun erzielten seine Gemälde Millionenpreise.

Sahen viele Briten schon in den Werken Freuds - auf der Insel womöglich bekannter als sein Großvater - nichts als einen Pornografen, machte der an sich öffentlichkeitsscheue Maler auch mit seinem Privatleben von sich reden. Zweimal war er verheiratet - auch seine Frauen standen ihm Modell. Die Schriftstellerin Esther und Modemacherin Bella sind seine Töchter. Daneben gab es haarsträubende Gerüchte von Affären und bis zu 40 weiteren Kindern. Oft war Freud, der Pferderennen und Glücksspiel liebte, in Schlägereien verwickelt. Ein Selbstporträt mit blauem Auge, das ihm ein Taxifahrer zufügte, erzielte bei einer Auktion mehr als 2,8 Mio. Pfund.

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