Neu im Kino: „Pippa Lee“ hat genug vom Hausfrauendasein im Altenwohnsitz

Dieses Leben ist zu klein

Eigentlich können sie sich gut leiden, doch Pippa begehrt auf: Robin Wright Penn als Pippa Lee und Alan Arkin als ihr Mann Herb ziehen in eine altengerechte Wohnanlage. Foto: nh

Pippa Lee (Robin Wright Penn) ist so um die fünfzig und viel zu jung für diese Gegend. Mit ihrem dreißig Jahre älteren Mann Herb (Alan Arkin) ist sie aus Manhattan in eine Rentnersiedlung in Connecticut gezogen. Die altersgerechten Bungalows stehen auf dem gemähten Rasen. Für die meisten hier ist „Wrinklebury“(Faltenhausen), wie Herb den Ort nennt, die letzte Station in ihrem wohlhabenden Leben. Herb ist ein Verleger, den drei Herzattacken in den Vorruhestand versetzt haben.

Pippa hat sich die letzten Jahrzehnte als Frau an seiner Seite durchs Leben geschlichen, zwei Kinder großgezogen, für die Gäste stets einen perfekten Lammbraten und eine gut gekrustete Crème brûlée serviert. Bruchlos ist sie nun von der Mutterrolle ins Fach der Krankenschwester gewechselt, die dem Mann den Blutdruck misst und darauf achtet, dass er regelmäßig seine Medizin nimmt.

Man spürt die innere Verbundenheit des Paares. Aber man sieht auch, dass dieses Leben zu klein für eine Frau wie Pippa ist. Die Ausbruchsversuche kommen im Schlaf, wenn sie den Inhalt des Kühlschranks auf dem Küchenboden verteilt, im Nachthemd zur Tankstelle fährt und sich am Morgen an nichts erinnern kann. Die schlafwandlerischen Attacken führen sie in die Erinnerung an ihre anderen, wilderen Lebensphasen.

In „Pippa Lee“ zeichnet Rebecca Miller, die hier ihren eigenen Roman verfilmt, das Porträt einer Frau, die es sich scheinbar bequem in ihrer wohlhabenden Hausfrauenexistenz eingerichtet hat. Mit jeder Rückblende vertiefen sich die Risse, werden die Konturen unter der Oberfläche des Verlegergattinnendaseins herausgearbeitet, das zum sicheren Hafen nach verstörenden Kindheitserlebnissen wurde.

Mit sechzehn flüchtet Pippa vor der depressiven Mutter, für deren Gemütszustände die Tochter tiefe Schuldgefühle entwickelt, und landet mitten in den wilden Siebzigern, die mit Drogen, Sex und Rock ’n’ Roll eine breite Zerstreuungspalette bieten.

Mit „Pippa Lee“ schaut Miller - Tochter des Autors Arthur Miller - hinter die Fassade des scheinbar spießigen Daseins, dessen Sicherheit und Langeweile für die junge Frau zum rettenden Therapeutikum werden. Gleichzeitig zeigt der Film, wie die gesellschaftliche Rolle der Frauen in den USA in den Siebzigern aufgebrochen ist und die Töchter, die nicht bereit waren, die Fehler ihrer Mütter zu wiederholen, ihre eigenen, ganz anderen Fehler machten.

Robin Wright Penn gelingt es mit nuanciertem Spiel die psychologischen Facetten ihrer Figur langsam aufzublättern, aber auch das Nebenfigurenensemble von Keanu Reeves über Wynona Ryder bis hin zur wieder einmal großartigen Julianne Moore als wilde Verführerin ist hochkarätig besetzt.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

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