Judith Zanders verblüffendes Romandebüt

Dinge, die mal einer sagen musste

Judith Zander

Judith Zander, 1980 in Anklam geboren, hat in ihrem Debüt „Dinge, die wir heute       sagten“, eine so ungewöhnliche Form, einen so unverwechselbaren Ton gefunden, dass sie beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet und mit Recht für den Deutschen Buchpreis und den aspekte-Literaturpreis nominiert war.

Zander erzählt von einem weißen Fleck auf der literarischen Landkarte: aus dem fiktiven Dorf Bresekow in Vorpommern. Dorthin kehrt Ingrid nach dem Tod der Mutter und nach über 20 Jahren aus Irland zurück. Ihr Mann ist Germanist und forscht über Uwe Johnson, den mecklenburgischen Autor, dem Zander so spürbar Reverenz erweist wie an anderer Stelle auf wunderbare Weise den Beatles: Bresekow könnte in der Nachbarschaft seines erfundenen Orts Jerichow liegen, und auch Johnsons „Jahrestage“-Protagonistin Gesine Cresspahl war einst in den Westen gegangen.

Paul, der Sohn, der wie der junge Paul McCartney aussieht, ist das Aufregendste, was den Gymnasiastinnen Ella und Romy in Jahren begegnet ist. Er kann sie sogar überreden, „auf der Elpe“ zu gehen, in die verfallenen Gebäude der ehemaligen LPG, wo die Jugendlichen abhängen, perspektivlos und anfällig für rechte Parolen. Sie, ihre Eltern und Großeltern lässt Zander auf fast 500 Seiten sprechen.

Oder eher: assoziieren. Ein Gedankenfluss im Dialekt. Innere Monologe in lauter Mini-Kapiteln, einander ergänzend, korrigierend. Erinnerungen, Eingeständnisse, Dinge, die mal jemand sagen musste, Gedanken über den Wechsel der Zeiten und die Jahre in der DDR. Mutmaßungen über Ingrid. Manchmal fällt die „Gemeinde“ in einen Chor wie im antiken Drama. „Prosa gewordener Kaffeeklatsch“, spottete die „Süddeutsche Zeitung“. Aber sind nicht Klatsch und Tratsch, gerade im Dorf, von allergrößtem Interesse?

Es gibt Längen, es ist unübersichtlich, es dauert, bis alle Geheimnisse (von denen hier nicht die Rede sein soll) gelüftet sind, nicht für das komplette Personal hat Zander eine überzeugende Stimme gefunden. Von Ingrid, die aus Bresekow geflohen ist, um deren Leben der Roman aber andauernd kreist, erfahren wir letztlich wenig. Nur ihre Stimmer erzählt in der zweiten Person, distanziert. Aber vielleicht muss ein letzter Rest Geheimnis gewahrt bleiben. So, wie im Leben auch vieles verschwiegen und nicht alles offenbart wird.

Judith Zander: Dinge, die wir heute sagten. dtv, 480 S., 16,90 Euro. Wertung: !!!!:

Von Mark-Christian von Busse

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