Abschluss der Kasseler Gustav-Mahler-Festtage: Dirigent Adam Fischer über sein Konzert

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Rückkehr an die alte Wirkungsstätte: Adam Fischer dirigiert am Sonntag das Kasseler Staatsorchester mit Werken von Gustav Mahler.

Kassel. Am 7. Juli 1989 eröffnete der damalige Generalmusikdirektor Adam Fischer das erste Kasseler Gustav-Mahler- Fest mit den „Liedern eines fahrenden Gesellen“ und der ersten Sinfonie - Kompositionen, die mit Mahlers Kasseler Kapellmeisterzeit 1883-85 verbunden sind.

Es war der 129. Geburtstag des Komponisten. Am kommenden Sonntag, an Mahlers 153. Geburtstag, wird Adam Fischer zum Abschluss der Gustav-Mahler-Festtage diese Werke erneut dirigieren. Wir sprachen mit dem Ausnahmedirigenten.

Herr Fischer, was empfinden Sie, wenn Sie am Sonntag an Ihre alte Wirkungsstätte zurückkehren?

Adam Fischer: Ich finde es erst einmal privat sehr schön, wieder in Kassel zu sein. Als ich 1987 nach Kassel kam, waren meine Kinder so alt wie jetzt meine Enkel. Nach Kassel zu kommen, ist für mich wie eine Zeitreise. Es war eine historische Zeit, die ich in Kassel erlebt habe. Als ich hier anfing, war Deutschland geteilt und Kassel lag am Rand. Als ich wegging, war die Mauer weg und Kassel lag in der Mitte Deutschlands. Aber das hat mit Musik nichts zu tun. Kassel bleibt auch künstlerisch ein wichtiger Teil meines Lebens. Hier konnte ich zum ersten Mal meine musikalischen Ideen verwirklichen, weil die Stadt, die Musiker und das Theater hinter mir standen.

Sie haben in Kassel eine Mahler-Begeisterung ausgelöst, und jetzt dirigieren Sie hier die Werke, mit denen alles anfing: Die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ und die erste Sinfonie.

Fischer: Ja, das ist das klassische Programm für Kassel.

In diesen Werken zeigt sich auch erstmals Mahlers besonderer Ton. Wie würden Sie den beschreiben?

Fischer: Das ist schwer in Worte zu fassen. Lassen Sie mich anders anfangen: Immer wenn ich ein bestimmtes Stück dirigiere, dann finde ich, dass genau dieses das beste ist. Jetzt bereite ich mich auf die Erste vor, und da gibt es nichts anderes. Die Entdeckung der Welt, die Entdeckung der Tragik im Leben hat Mahler am offensivsten in der Ersten dargestellt. Ich glaube, dass die Persönlichkeit stark geprägt wird durch Jugenderlebnisse und vor allem durch eine unglückliche Liebe, wie Mahler sie in Kassel erlebt hat. Das steckt auch in den „Liedern eines fahrenden Gesellen“.

Und was ist Mahlers musikalische Botschaft?

Fischer: Ich glaube, dass er vieles, was am Anfang des 20. Jahrhunderts in der Luft lag, wahrgenommen hat. Es ist sehr gewagt, was ich jetzt sage: Aber die Weltuntergangsstimmung, die über der Monarchie in Europa lag und die dann wenig später zu den Weltkriegen geführt hat, die hat Mahler viel früher gespürt als die Politiker. Überspitzt gesagt: Wenn man Mahler besser zugehört hätte, wäre man besser vorbereitet gewesen auf das, was dann kam.

Zuhörer damals waren irritiert, dass in Mahlers erster Sinfonie eine Blaskapelle auftritt und das Lied „Bruder Jakob“ von Kontrabässen in hoher Lage gespielt wird. Kann man heute noch vermitteln, wie provokativ das gewirkt haben muss?

Fischer: Das heute zu vermitteln, ist nicht so leicht. Ich glaube, es ist vor allem unsere Aufgabe, die Einmaligkeit des Seelenzustands zu vermitteln. Ich versuche, die Ehrlichkeit von Mahler zu zeigen. Wie er bemüht war, ehrlich mit den heftigen Emotionen umzugehen, die in ihm aufkamen. Meine Erfahrung ist die: Wenn wir seine Musik mit Überzeugung spielen und das Publikum diese Überzeugung spürt, dann lässt es sich von diesen Werken auch ergreifen. - Es ist leider sehr schwer, über Musik zu sprechen.

Sprechen wir noch über etwas anderes: Sie haben die politische Entwicklung in Ungarn unter Ministerpräsident Viktor Orbán stark kritisiert. Wie sehen Sie die Lage dort heute?

Fischer: Kurz gesagt: Ich finde es sehr gefährlich, was in diesem Land passiert. Was in Deutschland und Frankreich und überall in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist: die Überzeugung, es geht so nicht weiter, wir müssen zusammenwachsen, die fehlt diesen Politikern. Der Nationalismus wird stärker - übrigens nicht nur in Ungarn -, und wir Internationalisten müssen etwas dagegen unternehmen.

Hinweis

Sonntag, 7. Juli, 20 Uhr, Stadthalle Kassel: Abschlusskonzert der Gustav-Mahler-Festtage 2013.

Gespielt werden von Gustav Mahler die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ und die Sinfonie Nr. 1 D-Dur. Solist ist Stefan Zenkl (Bariton). Es spielt das Staatsorchester Kassel unter der Leitung von Adam Fischer.

Das Konzert findet zugunsten des Vereins „Bürger pro A“ statt, der dafür eintritt, die künstlerische Qualität des Staatsorchesters langfristig zu sichern.

Gustav Mahler komponierte die Lieder eines fahrenden Gesellen 1884/85 in Kassel und begann hier auch mit der Komposition seiner ersten Sinfonie.

Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Von Werner Fritsch

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