Abschied von einem Gentleman der Musik

Dirigent Sir Colin Davis (85) gestorben

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Die Musikwelt trauert um Gentleman-Dirigent Sir Colin Davis.

London - Sir Colin Davis hielt Musik für die „schönste Erfindung des Menschen“. Jetzt ist der britische Dirigent im Alter von 85 Jahren gestorben. Sein Vermächtnis wird weiterleben.

Den schönsten Mozart, so schwärmte noch Jahre später manch BR-Musiker, den habe man mit ihm gespielt. Vielleicht auch, weil er nichts wollte bei dieser Musik. Mozarts Humanität, sein tiefes Menschenwissen, vor allem sein Humor, all dies traf bei Sir Colin Davis auf einen Wesensverwandten. Auf einen, der diese Partituren nur anzutippen schien – und schon öffneten sich die Werke wie von selbst und offenbarten ihr kostbares Inneres. Alles sei drin in Mozart, schwärmte der Dirigent. „Ein Sinnbild für die Zivilisation“ seien diese Werke, „Musik für die Seele und den Intellekt“. Der Mann, der dieses so unnachahmlich erspürte und dem Hörer überbringen konnte, dieser bescheidene Star ist nun seinem Idol wohl näher als je zuvor: Am Sonntag ist Colin Cavis im Alter von 85 Jahren gestorben.

Sein feines britisches Understatement ließ ihn nicht nur zum Idealinterpreten der Wiener Klassiker werden, sondern auch zu einem Orchestererzieher der anderen Art. Kein Besserwisser, kein Dauer-Nörgler, kein Tyrann. Colin Davis setzte auf sanfte Überzeugungsarbeit. Und wenn es einmal gegen ihn lief auf die Noblesse eines Gentlemans.

Anfang der Neunzigerjahre war Letzteres gefordert. Da ließ der Bayerische Rundfunk seinen Vertrag als Chefdirigent des Symphonieorchesters einfach auslaufen. Zuvor war Colin Davis – wider seinen Willen – Justus Frantz als „Chefmanager“ aufgedrückt worden. Vieles war da schiefgelaufen. Davis zog sich zurück, blieb dem Ensemble aber verbunden – und wusste: Einen solchen Job wolle er nie wieder machen. „Ich konnte nichts steuern, das Orchester gehörte dem Rundfunk.“

Und dennoch: Die Jahre zwischen 1983 und 1992 an der Spitze der BR-Symphoniker war eine musikalisch glückliche Ära. In Erinnerung bleiben nicht nur die Wiener Klassiker, sondern vor allem die Konzerte mit Musik von Hector Berlioz, hier immer wieder die „Symphonie fantastique“, die Davis fulminant verfeinerte. Aber auch eine „Damnation de Faust“ gehört dazu mit Thomas Moser und Anne Sofie von Otter, ein Höhepunkten in den BR-Annalen. Davis war es ja, der die Werke von Berlioz ab den Sechzigerjahren zurück in die Spielpläne holte – und später die Münchner davon profitieren ließ.

Dabei deutete anfangs nichts auf eine Weltkarriere am Pult hin. Colin Davis, der aus einer Kleinstadt im Südosten Englands stammte, spielte Klarinette in einer Militärkapelle, studierte das Instrument später an der Hochschule und wollte dann doch über ein Ensemble befehligen könne. Die Konsequenz: Er brachte sich das Dirigieren eben selbst bei. Und das, was er sich mit der Zeit aneignete, befähigte ihn zu Großem. Colin Davis wurde Chef des BBC Symphony Orchestra, des Royal Opera House Covent Garden, des London Symphony Orchestra und eben des BR-Symphonieorchesters. Nach München kam er als eine Art Retter: Seit 1979 war das Ensemble nach der Ära von Rafael Kubelik verwaist, tragischerweise war der eigentlich vorgesehene Chef Kyrill Kondraschin überraschend gestorben.

So wirkt Musik auf unseren Körper

Musikwirkung auf den Körper
Elektropop (z.B. Lady Gaga, Alejandro):  Bei einem Tempo über 72 bmp haben Musikstücke insbesondere auf Frauen aufputschende Wirkung. Frequenz: 80 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Rock/Pop (z. B. U2 – Beautiful Day): Gut für Männer, da sie häufig zu höheren Blutdruck als Frauen neigen. Ihre Leistung wird durch hohe motorische Erregung beeinträchtigt. Aus diesem Grund führen bei Männern tendenziell ruhigere, fließende Klänge zu einer Steigerung der Leistungsfähigkeit. Frequenz: unter 72 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Akustik/Folk/Blues (z. B. Jack Johnson – Wasting Time): Ruft stärkste Reaktion des Körpers hervor, da das Tempo einem verlangsamten Herzrhythmus ähnlich dem Schlafzustand entspricht. Dabei kommt es beim Zuhörer zur größten Entspannung, zur Beruhigung der Atmung und zur Entkrampfung der Muskulatur. Frequenz: 60 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Klassik (z. B. Wolfgang Amadeus Mozart – „Lacrimosa“ aus dem Requiem):  Die klassischen Klänge im langsamen Tempo helfen bei Schlafstörungen und lösen körperliche Verspannungen. Daher wird heute häufig in Zahnarztpraxen oder OP-Sälen klassische Musik zur präoperativen Angstreduktion der Patienten abgespielt. Frequenz: 65 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Oper (z. B. Guiseppe Verdi – „Triumphmarsch“ aus der Aida): Kann die Konzentrationsfähigkeit fördern und sich positiv auf den Blutdruck auswirken. So führte Verdis emotional mitreißende Opernmusik aus Aida in wissenschaftlichen Untersuchungen zu einer Blutdrucksenkung um durchschnittlich 5 mmHg bei den Zuhörern. Frequenz: 100 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Heavy Metal (z. B. Metallica – Enter Sandman): Das Lied beschleunigt die Herz-Kreislauf-Aktivität, da das Tempo dem Herzschlag während höherer Belastungen entspricht. Daher kommt es zu einer aufputschenden Wirkung. Frequenz: über 120 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Hard Rock (z. B. AC/DC – Highway To Hell): Hard Rock-Musik im schnellen Tempo wie dieser Klassiker kann zum Abbau von Aggressionen beitragen und helfen, Ängste und Frustrationen zu überwinden. Frequenz: im Mittel bei ca. 120 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Latino-Pop (z. B. Shakira – Waka Waka): Der beschwingte, lateinamerikanische Rhythmus im schnellen Tempo bringt das Herz-Kreislauf-System in Schwung und kann helfen, melancholische Augenblicke zu überbrücken. Frequenz: ca. 125 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Chanson (z. B. Beispiel: Udo Jürgens – Aber bitte mit Sahne): Hat einen anregenden Effekt, hilft gegen Müdigkeit. Hat eine Stimmung-aufhellende Wirkung und verbessert die Leistungsfähigkeit. Frequenz: 120 Hz. © dpa
Musikwirkung auf den Körper
Schlager (z. B. Jürgen Drews – Ein Bett im Kornfeld): Das mittlere Tempo erzeugt Ausgeglichenheit und hilft gegen Stress-Symptome. Kann darüber auch motivationssteigernd wirken. Frequenz: 110 Hz. © dpa

Zuweilen ging Colin Davis an der Isar auch „fremd“ – was den Opernfreunden unvergessene Aufführungen von Mozarts „Figaro“ und „Don Giovanni“ sowie von Strauss’ „Ariadne“ an der Staatsoper bescherte. Zwei der berührendsten Mozart-Abende gelangen aber mit dem Nachwuchs: Die Musikhochschule beglückte der Brite mit konzertanten Abenden von „Zauberflöte“ und „Figaro“.

Nach seinem Abschied von München zog es Colin Davis in den anderen Freistaat. Bei der Staatskapelle Dresden, der er seit den Achtzigern eng verbunden war, wurde er Ehrendirigent. Die Todesnachricht erreichte das Orchester gestern auf einer USA-Tournee. „Sir Colin war ein ungemein liebenswürdiger und völlig unprätentiöser Mensch, der mit seiner Warmherzigkeit die Herzen aller sofort für sich gewann“, formuliert es Chefdirigent Christian Thielemann. „Mit dem Tod von Sir Colin hat die Staatskapelle nicht nur ihren Ehrendirigenten verloren, sondern vor allem einen einzigartigen Freund.“

Schon im vergangenen Jahr organisierte dieses Ensemble eine vorgezogene große Jubiläumstournee zu Davis’ 85. Geburtstag – selbstverständlich mit einem reinen Mozart-Programm. Etwas unsicher, auf wackeligen Beinen strebte der Dirigent da an den Gastspielorten Wien oder Mailand dem Pult zu. Kurz davor hatte er in Dresden eine Schwächeanfall erlitten. Immer mehr, auch aus eigener, kluger Einsicht, zog er sich dann in den vergangenen Monaten zurück. Am Pult sterben, so wie es sich viele Kollegen erträumen? Für Colin Davis, auch das war typisch für ihn, eine schlimme Vorstellung. „Ich möchte das nicht. Ich möchte im Moment des Todes meine Privatsphäre.“

Markus Thiel

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