Emotionaler Abschied

Dirigent Yoel Gamzou beim Kasseler Abschiedskonzert gefeiert

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Sonntagskonzert im Opernhaus: Dimitrios Papanikolau war Solist des Karlowicz-Violinkonzerts, Yoel Gamzou dirigierte.

Kassel. Als das Programm für das jüngste Konzert des Kasseler Staatsorchesters erstellt wurde, war nicht abzusehen, dass es das letzte mit Yoel Gamzou (28) in Kassel sein würde.

So erhielt der Auftritt des Ersten Kapellmeisters einen besonderen Anstrich, und die eingangs gespielte elegische Canzonetta für Oboe und Streichorchester von Samuel Barber (1910-1981) klang vielleicht noch einen Hauch wehmütiger als sonst. Wunderbar ausgesungen wurde der Solopart von der Solo-Oboistin Sabine Nobis, mit weiten Bögen und mit dunklem, edlem Ton.

Ebenfalls ein Musiker aus dem Orchester, Dimitrios Papanikolau, war Solist des Violinkonzerts A-Dur op. 8 des polnischen Komponisten Mieczyslaw Karlowicz (1876-1909). Es dürfte sich um eine Kasseler Erstaufführung gehandelt haben, denn der in Polen sehr geschätzte Komponist ist in Deutschland wenig bekannt. Zu Unrecht, denn das Konzert bietet in den Ecksätzen einen spektakulären Solopart, dazwischen eine thematisch sehr berührende Romanze, und dazu einen interessanten Orchestersatz mit reichen Bläserfarben.

Am Ende wurde Papanikolau für sein geigerisch eindrucksvolles, allerdings nicht immer völlig intonationssicheres Spiel gefeiert, aber auch Dirigent und Orchester verdienten sich den lebhaften Applaus im fast ausverkauften Opernhaus, der mit der Wiederholung des langsamen Satzes beantwortet wurde.

Höhepunkt des Abends waren indes Edward Elgars (1857-1932) Enigma-Variationen, mit denen der Komponist ihm nahestehende Personen – und am Ende sich selbst – musikalisch charakterisiert. Yoel Gamzou zeigte hier einmal mehr, was sein Dirigat so besonders macht: die ungeheure Frische des Musizierens, die Fähigkeit, zum Kern der Musik vorzudringen und dabei das Orchester zu Top-Leistungen zu animieren.

Alle 14 Variationen waren kostbar. Doch wie in der 9. Variation „Nimrod“ die Streicher das Thema im intensivsten Pianissimo zu spielen begannen, dann in einer weiten Steigerung das Orchestertutti erreicht wurde, ehe der Satz sanft verebbte, das ging unter die Haut. Nicht weniger sensibel empfunden war die dem Cellisten Basil Nevinson gewidmete 12. Variation mit dem vom neuen Solocellisten Eugene Lifschitz fein gespielten Solo. Schließlich das grandiose Finale, bei dem Gamzou das Orchester mit großer Geste aufspielen ließ – ohne dabei aber das Pathos zu überziehen.

Es folgten Jubel, Bravo- und Danke-Rufe, für die Musiker bedankte sich Orchestervorstand Joachim Schwarz bei Gamzou mit netten Worten und einer Himmelsstürmer-Figur. Die Zugabe mit den Beatles-Stücken „Free as a Bird“ und „The End“ löste die Beklemmung und sorgte für neue Begeisterung.

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