„Die große Mitte erreichen“: Dirigent Yoel Gamzou im Interview

Nähe zum Publikum: Das Konzert des International Mahler Orchestra mit Yoel Gamzou 2013 in der Stadthalle Kassel. Foto: imo/nh

Kassel. Der britische Medienjournalist Michael Bloom hat für das International Mahler Orchestra (IMO) und seinen Dirigenten Yoel Gamzou zufällig ausgewählte Menschen gefragt, welche Erfahrungen sie mit klassischer Musik gemacht haben - und welche sie künftig gern machen würden.

Gamzou, im Hauptberuf Erster Kapellmeister am Kasseler Staatstheater, hat daraus Schlüsse gezogen - auch für zwei IMO-Auftritte am 5. Dezember in Kassel. Wir sprachen mit Gamzou.

Herr Gamzou, was haben die Video-Befragungen von Michael Bloom ergeben?

Yoel Gamzou: Von 300 auf Berliner Straßen befragten Leuten waren nur zwei oder drei mehr als zweimal in ihrem Leben in einem klassischen Konzert. Warum? Liegt es an der Musik, oder liegt es an Konzertritualen wie dem Stillsitzenmüssen? Oder gibt es vielleicht eine persönliche Vorgeschichte, weil man als Kind gezwungen wurde, in ein langweiliges Konzert zu gehen?

Wie lautet die Antwort?

Gamzou: Es gibt natürlich viele Antworten. Erstaunlich ist: Nur etwa ein Fünftel findet die Musik einfach furchtbar, aber noch deutlich weniger Menschen finden klassische Musik richtig toll. Die meisten liegen dazwischen. Sie sagen: Okay, das ist vielleicht nicht so ganz meins - aber im Prinzip können sie sich vorstellen, auch klassische Musik zu hören. Mein Ziel ist es, diese große Mittelgruppe zu erreichen.

Welche Vorbehalte gegen klassische Musik wurden denn vor allem geäußert? 

Gamzou: Es sind drei Themen, die immer wiederkehren. Viele fragen: Was hat Musik, die 200 Jahre alt ist, überhaupt mit mir zu tun? Das ist eine Frage, die wir als Musiker aufgreifen müssen. Was hat das, was wir spielen, mit unserem Publikum zu tun? Vor allem junge Leute finden oft die Konzertrituale blöd. Sich schick anziehen, warum? Oder nur klatschen, wenn das Stück zu Ende ist? Am befremdlichsten ist es für viele, so lange still sitzen zu müssen, nicht einfach mal rausgehen zu können. Außerdem finden sie die ganze Atmosphäre zu steif und zu verklemmt. Oft werden auch Orchester einfach als anonyme Masse erlebt. Dazu kommt noch etwas anderes: Die Musik bis etwa 1910 finden viele immerhin ganz schön. Doch mit der Moderne, mit der sogenannten Neuen Musik, können viele nichts anfangen. Denen wird dann oft suggeriert, sie seien zu blöd. Warum lassen sich dieselben Leute dann aber von Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst begeistern?

Was machen Sie anders, wie wollen Sie die große Gruppe der „Neutralen“ erreichen?

Gamzou: Alles ist „work in progress“. Wir probieren einfach neue Dinge aus. Unser IMO-Motto in diesem Jahr lautet: Wir sind kein Orchester, und wir spielen keine klassische Musik. Damit ist gemeint: Hier sind Individuen, die das auch zeigen. Musiker, die etwas von sich geben und deshalb den Zuhörern nahe sein wollen. Wie sollen sich denn Leute für uns interessieren, wenn wir uns nicht für sie interessieren? Dazu kommt: Nicht alle fühlen sich in derselben Umgebung wohl. Wir machen daher unterschiedliche Angebote.

Verbinden Sie deshalb in Kassel ein Konzert in der documenta-Halle mit einer orchestralen Jam-Session im Kinosaal?

Gamzou: Zuerst: Wir freuen uns über alle, die beide Veranstaltungen besuchen. Den Konzertfreunden sagen wir: Was ihr mögt, kriegt ihr im Kino in lockerer Form. Den Jüngeren sagen wir: Ihr könnt Spaß haben wie in einer Kneipe. Wir laden auch alle zu unseren Proben ein. Wir wollen den Austausch schon vor dem Konzert.

Zur Person:

Yoel Gamzou (27) wurde in Tel Aviv geboren und lebte als Jugendlicher in den USA. Er ist israelischer und amerikanischer Staatsbürger. Die Begegnung mit Gustav Mahlers Musik weckte in ihm den Wunsch, Dirigent zu werden. In Italien wurde er Schüler von Altmeister Carlo Maria Giulini. Internationale Beachtung fand 2010 die Veröffentlichung von Gamzous Vollendung der 10. Sinfonie Gustav Mahlers. 2006 gründete Gamzou das International Mahler Orchestra. Seit 2012 ist er Erster Kapellmeister am Staatstheater Kassel. Gamzou lebt in Berlin und Kassel.

Die Auftritte - Konzert und Session 

Zwei Auftritte des International Mahler Orchestra (IMO) stehen am Freitag, 5. Dezember, in Kassel auf dem Programm.

• In der documenta-Halle beginnt um 19.30 Uhr ein Konzert, bei dem die Musiker den gesamten Raum in wechselnder Besetzung bespielen und damit ein besonderes Hörerlebnis bieten wollen. Gespielt werden Beethovens Streichquartett op. 95 und Benjamin Brittens „Illuminations“ op. 18 für Sopran und Streicher. Solistin ist die ehemalige Kasseler Opernsängerin Nina Bernsteiner. Ferner Mendelssohns Streichersinfonie Nr. 8 und Karl Amadeus Hartmanns Sinfonie Nr. 4 für Streichorchester.

• Jenseits üblicher Konzertgepflogenheiten findet ab 23 Uhr als Late-Night-Event im Gloria-Kino eine orchestrale Jam-Session statt. In lockerer Club-Atmosphäre präsentieren IMO-Musiker einen Mix aus Klassik, Jazz, Improvisation und Elektronik.

• Öffentliche Proben in der documenta-Halle: 2. und 4.12. jeweils ab 10 Uhr, 3.12. ab 9.30 Uhr.

Freitag, 5. Dezember, 19.30 Uhr: Konzert, documenta-Halle. 23 Uhr: Late-Night-Session, Gloria-Kino, Friedrich-Ebert-Straße 3. Karten: Tel. 0180-6050400, www.adticket.de

Kontakt:  office@internationalmahlerorchestra.com

Von Werner Fritsch

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