Dirigent Yoel Gamzou im interview: „Wir bleiben immer wach“

Kassel. Vor wenigen Tagen erhielt Yoel Gamzou, Erster Kapellmeister am Staatstheater, in Brüssel zusammen mit rumänischen Künstlern den mit 50.000 Euro dotierten europäischen Kulturpreis „Princess Margriet Award“. Im Interview sagt Gamzou, was ihm diese Auszeichnung bedeutet.

Gamzou wurde wegen seiner Verdienste um das Werk Gustav Mahlers ausgezeichnet und für „seine intellektuelle Redlichkeit, seine Unkonventionalität und seinen Mut, die eigenen Werte und Ideen zu verfolgen“.

Herr Gamzou, wie haben Sie die Nachricht aufgenommen, dass Sie den „Princess Margriet Award“ bekommen?

Yoel Gamzou: Zuerst bekam ich eine Mailbox-Nachricht, dass ich nominiert bin, und dachte: Das kann doch nicht wahr sein. Ich arbeite nicht, um Preise zu bekommen. Aber der Preis einer Stiftung, die Ziele verfolgt, die auch mir wichtig sind, bedeutet mir viel.

Um welche Ziele geht es da?

Gamzou: Ich muss etwas ausholen: Ich glaube, dass es in unserer Musikkultur einige Probleme gibt, die die Zukunft gefährden und die sich nicht von allein lösen werden. Keiner macht sich Gedanken, wie unser Musikleben in 20 Jahren aussehen wird. Das System von subventionsabhängigen Orchestern wird es in der Breite, wie wir es jetzt haben, nicht mehr geben.

Sind Sie da nicht zu pessimistisch?

Gamzou: Nein. Das wird vielleicht nicht Kassel betreffen, aber viele andere Städte. Das Problem liegt nicht daran, dass der Staat kein Geld mehr hätte, sondern dass wir Publikum verlieren. Es geht um einen Verlust an Relevanz. Und die Vorwürfe deswegen müssen wir uns selbst machen.

Woran fehlt es denn?

Gamzou: Zum einen liegt es an der Konzertform, die elitär ist und sich in den letzten 50 Jahren kaum verändert hat. Es ist aber nicht nur eine Frage der Form, sondern auch eine des Inhalts. Es ist viel von Musikvermittlung die Rede, aber keiner fragt, ob es den Leuten wirklich gefällt. Bei jungen Leuten ist nicht der erste Konzertbesuch die Herausforderung, sondern der zweite. Kommen sie wieder?

Wovon hängt das Ihrer Meinung nach ab?

Gamzou: Wir sind dafür da, Erlebnisse zu schaffen. Wer traut sich zu sagen, es war langweilig, wenn 100 gelangweilte Musiker im Frack spielen? Aber 90 Prozent haben es doch sicher langweilig gefunden. Es fehlt an Ehrlichkeit, an Überzeugung. Und an Kommunikation, an der ehrlichen Frage: Wie hat es euch gefallen? Wirklich, wie das Kasseler Orchester arbeitet, ist im positiven Sinne völlig unnormal!

Was muss also passieren?

Gamzou: Wir müssen von den populären Künstlern lernen, die für ihre Musik brennen. In Berlin haben wir das International Mahler Orchestra gegründet, das völlig demokratisch organisiert ist. Das betrifft die Auswahl der Stücke, aber auch Interpretationsfragen. Wenn man fragt: Warum klingt ihr anders?, dann sage ich: Weil jeder Einzelne hinter dem steht, was und wie wir spielen. Wir wollen nie abhängig sein von staatlicher Förderung, wir bleiben immer wach. Der Preis, den ich bekommen habe, ist eine große Anerkennung für dieses Modell, das sehr berechtigt ist.

Zur Person

Yoel Gamzou (26) wurde in Tel Aviv geboren und wuchs in den USA auf. Schon als Teenager wandte er sich dem Dirigieren zu. Er war Schüler von Carlo Maria Giulini. Mit 16 Jahren begann er ein Projekt, das ihm weltweit Anerkennung eintrug: Eine spielfähige Vervollständigung von Gustav Mahlers unvollendeter zehnter Sinfonie. Gamzou hat das International Mahler Orchestra gegründet. Er lebt in Berlin und Kassel, wo er seit 2012 als Erster Kapellmeister engagiert ist.

Von Werner Fritsch

Rubriklistenbild: © HNA/Fischer

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