Kolumne

Dirk Ippen: Der Weihnachtsabend – damals bei uns zuhaus

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Verleger Dr. Dirk Ippen

Nie sind wir unseren Eltern und Vorfahren so nah wie in der Erinnerung an die Weihnachtsabende unserer Kindertage. Meint Verleger Dr. Dirk Ippen. In seiner Kolumne erinnert er sich an den Weihnachtsabend in seiner Familie.

Bei uns musste alles so verlaufen, wie es schon Großeltern und Urgroßeltern gemacht hatten. Das lebendige Verbindungsglied in diese noch ältere Zeit war der aus der Schweiz angereiste jüngste Bruder des Großvaters.

Schon am 22. wurde das Weihnachtszimmer verschlossen, nur die Mutter durfte es betreten. "Es gibt in diesem Jahr keinen Weihnachtsbaum", hieß es, was keiner glaubte. Drei Mal wurde geklingelt dann durften wir am Weihnachtsabend vor den leuchtenden Tannenbaum treten, ich als der Jüngste zuerst, der Älteste zuletzt.

Nach dem Lied: "Stille Nacht, Heilige Nacht, alles schläft, Einsam wacht" bedauerte der Onkel den armen Herrn "Einsam“, der alleine zu wachen hatte. Und aus dem "O Tannenbaum" wurde bei ihm "O Tantenbaum", sehr zum Missfallen von zwei Schwestern meiner Mutter aus unserer Weihnachtsrunde.

Der Vater las die Weihnachtsgeschichte nach Lukas aus der alten Familienbibel vor und dann hatte ich, der einzige Jugendliche in diesem Kreis von Alten, mein Gedicht aufzusagen, etwa von Theodor Storm:

„Markt und Strassen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus!“

Als Belohnung bekam ich vom Großonkel eine Vreneli Goldmünze geschenkt. Als Einziger aus dieser Hamburger Familie von Kaufleuten hatte der eingebürgerte Schweizer Wohlstand und Besitz vor Krieg und Inflation zu bewahren gewusst.

Dann wurden die Tische mit den Geschenken für jeden von uns besucht, wobei man sich höflichkeitshalber für alles zu interessieren hatte, nur ich als der Jüngste durfte beim eigenen Geschenktisch bleiben.

Als Weihnachtsessen gab es natürlich Karpfen und als Nachtisch Plumpudding nach englischer Sitte. Eine aus Teig, Rosinen und Fett bestehende Kalorienbombe, die mit Rum übergossen und angezündet wurde. Eine heiße, süß-herbe Köstlichkeit.

Der Höhepunkt im Reigen der Geschenke aber kam nach dem Essen. Dann ging plötzlich die Tür auf und nach altem, aus Schweden stammenden und von Hamburg bis Pommern heimischen Brauch, flog mit dem Ruf "Julklapp" ein großes Paket in das Weihnachtszimmer. In dem steckte eine ganze Welt von Geschenken, für jeden Weihnachtsgast etwas. Dazu kam für den Einen oder Anderen ein weiser Spruch oder eine Ermahnung. Denn der zum Julfest Anklopfende – daher der Name "Jul-Klapp" – erwies sich als erstaunlich gut unterrichtet über unsere Familie und ihre kleinen und größeren Schwächen.

Spät am Abend wurden die Kerzen am Christbaum noch einmal angezündet und leise zog dann der Weihnachtsfriede ganz bei uns ein:

„Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigts wie wunderbares Singen –
O Du gnadenreiche Zeit!“

Von Dirk Ippen

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