1. Startseite
  2. Kultur

documenta 15: Das dürfen Sie beim Endspurt nicht verpassen

Erstellt:

Von: Kirsten Ammermüller, Leonie Krzistetzko, Bettina Fraschke

Kommentare

Ein Ort der Kontraste: Auch Nino Bulling stellt in dem leer stehenden Speditionsgebäudes in der Hafenstraße aus.
Ein Ort der Kontraste: Auch Nino Bulling stellt in dem leer stehenden Speditionsgebäudes in der Hafenstraße aus. © Andreas Fischer

Bald geht die documenta fifteen zu Ende. Wir haben eine Auswahl ganz persönlicher Highlights zusammengestellt: Das müssen Sie auf der documenta fifteen unbedingt gesehen haben.

Nino Bullings Graphic Novel „Abfackeln“ in der Hafenstraße

Schon in drei Wochen geht die documenta fifteen zu Ende. Wir haben eine Auswahl ganz persönlicher Highlights zusammengestellt: Das müssen Sie auf der documenta fifteen unbedingt gesehen haben.

Bereits die Art der Präsentation macht deutlich, dass Nino Bullings Werk voller scheinbarer Kontraste und Gegensätze ist. Im Erdgeschoss der Hafenstraße 76 hängen die feinen, leicht transparenten Seidenbahnen von einem roten Metallgerüst von der Decke des leer stehenden Speditionsgebäudes. Darauf großflächige Tuschezeichnungen in Schwarz-weiß.

Es sind einzelne Bilder aus der Graphic Novel „Abfackeln“, die Nino Bulling für die documenta gemacht hat. Darin geht es um die Beziehung von Lily und Ingken. Themen wie Transidentität und Klimakatastrophe werden geschickt zu einer Geschichte verknüpft. Da sind die Buschbrände in Australien und die Folgen des Klimawandels, die medial aufbereitet und allgegenwärtig sind. Vor diesem Hintergrund wird die persönliche Geschichte von Ingken erzählt, die sich nicht als Frau fühlt und dadurch in einer Identitätskrise steckt.

Die Zeichnungen greifen das zögerliche Vorantasten auf, unterstreichen die Vorgehensweise in der thematischen Annäherung durch eine skizzenhaft wirkende Ausführung. Damit gelingt es dem Comiczeichner, eine Geschichte zu erzählen, die voller Ambivalenzen steckt und sich dennoch auf beeindruckende Weise ineinanderfügt. Die Arbeit ist poetisch wie humorvoll, aber auch sehr direkt und legt den Finger in eine Wunde, ohne ihn mahnend zu erheben – einen Weg in die Hafenstraße lohnt sie allemal.  KIRSTEN AMMERMÜLLER

Knallige Realität: Die Fotos von Fafswag im Stadtmuseum

Sie sind inszeniert wie in Gemälden: Die Fotografien des queeren indigenen Kollektivs Fafswag aus Neuseeland im Stadtmuseum sind eines meiner Highlights auf der documenta fifteen.

Denn sie knallen ordentlich und sind unfassbar ästhetisch aufgebaut. Dabei erinnern sie an exzentrische Modefotografie und poppige Porträtaufnahmen wie von David LaChapelle. Das Schöne ist: Die Fotos aus dem Archiv des Kollektivs zeigen die Gesichter hinter Fafswag. Sie zeigen, wie es aussieht, wenn man nicht in Geschlechterkategorien denkt, und liefern damit neben ihrer überzeugenden Ästhetik auch einen thematisch wichtigen Beitrag. LEONIE KRZISTETZKO

documenta 2022: Bilder aus Naturkunde-, Landes- und Stadtmuseum
documenta 15: Fafswag im Stadtmuseum. © Pia Malmus

Von Zensur und Propaganda: Instar macht auf Lage in Kuba aufmerksam

Die documenta als Plattform, die für die Freiheit der Kunst kämpft: Die Kubaner vom Instituto de Artivismo Hannah Arendt (Instar) um Tania Bruguera dürften sich über die Forderung, die Ausstellung abzubrechen, gewundert haben – thematisieren sie doch gerade, wie Druck auf Künstler ausgeübt wird.

Ihre Räume in der documenta-Halle mit teils wechselnden Präsentationen von vom Regime drangsalierten, zensierten Künstlern gehören zu den eindrücklichsten der d15. Besonders sehenswert sind die kleinen TV-Boxen aus Pappe, die Lázaro Antonio Martinez Durán bemalt hat – er setzt sich mit Propaganda in Dauerschleife auseinander. MARK-CHRISTIAN VON BUSSE

Tolles Video: Koredugaw aus Mali

Die geheime Gesellschaft der Koredugaw in Mali ist spezialisiert auf Konfliktlösungen. Zwischen Personen, zwischen Dörfern – egal. Wie eine mobile Eingreiftruppe erscheinen die prächtig gewandeten Koredugaw vor Ort. Sie sind Ansprechpartner, Vertrauenspersonen, aber vor allem tanzen sie. Ihre Riten sind immaterielles Weltkulturerbe der Unesco und komme aus der Gemeinschaft der Bambara, Malinké, Senufo und Samogo.

Im Hübner-Areal, in dem Bereich, wo sich die Fondation Festival sur le Niger präsentiert, ist ein Video zu sehen, in dem ihr Wissen und ihre Integrationskraft aufs Allerüberzeugendste zu erleben sind. Ein absoluter Tipp, auch wenn der Bildschirm an einem eher trubeligen Ort angebracht ist, an dem man lieber schnell durchlaufen möchte. Unweit des Teezeltes.

Die Koredugaw werden in den deutschen Untertiteln als Gaukler bezeichnet, das sind sie auf der einen Seite auch. Man erkennt es, wenn sie im Tanz und mit viel Humor auf den öffentlichen Plätzen erscheinen. Auch ihre Kostüme sind witzig gemacht – greifen traditionelle Stoffe und Elemente auf, kombinieren die aber mit poppigen, neonfarbenen Elementen wie aus dem Ein-Euro-Shop.

Und sie erzählen in Interviews, wie sie zum Beispiel verstoßene Kinder aufnehmen, wie sie Frauen eine Perspektive geben, die sonst auf sich gestellt wären. Eindrucksvoll. BETTINA FRASCHKE

Auch interessant

Kommentare