documenta-Archiv: Geschlossen wegen Personalnot

Er schwärmt von den Möglichkeiten des documenta-Archivs: Leiter Dr. Gerd Mörsch. Foto: von Busse

Kassel. Das documenta-Archiv war die ganzen Sommerferien über geschlossen - wegen Personalmangels. Die Stadt Kassel spricht von einer "temporären Situation". Leiter Dr. Gerd Mörsch schwärmt dennoch von den Möglichkeiten des Archivs. Auch in der Museumsnacht bietet es ein Programm.

Er habe Glück, sagte Dr. Gerd Mörsch vor wenigen Wochen, dass er seinen Posten als Leiter des documenta-Archivs 2013 in einer unglaublich spannenden Umbruchphase begonnen habe. Allerdings: Fördermittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für Digitalisierungsprojekte liefen aus, ein generationsbedingter Personalwechsel stehe an, mit verdienten Mitarbeitern verliere das Archiv an unschätzbarer Erfahrung und profunden Kenntnissen - da könne sich niemand über Nacht einarbeiten. Mörschs Befürchtung: Er sei künftig eher als Kulturmanager denn als Kunsthistoriker gefragt.

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 Standorte der Museumsnacht 2014

Genau das scheint eingetreten. Wegen der engen Personalsituation war das documenta-Archiv die gesamten Sommerferien über geschlossen. Seit Langem anstehende Auf- und Umräumarbeiten hätten nicht parallel zum Publikumsverkehr abgewickelt werden können, erläutert Mörsch.

Stadtsprecherin Petra Bohnenkamp spricht von einer „temporären Situation“: Das Archiv verfüge über 4,5 Stellen, die sich - da nicht alle Mitarbeiter Vollzeit arbeiten - auf sechs Personen verteilten. Von denen seien drei wegen Krankheit, Mutterschutz und Beginn der Altersteilzeit ausgefallen. „Leider war es trotz frühzeitiger Planung und Wiederbesetzungsverfahren nicht möglich, diese Stellen zeitnah zu besetzen“, teilt Bohnenkamp mit, auch weil sich Kandidaten anders entschieden oder sich keine geeigneten Bewerber gemeldet hätten.

In den Ferien fielen erfahrungsgemäß nur die Hälfte der monatlich im Schnitt 80 persönlichen Anmeldungen und 500 Mail-Anfragen an. Wer unbedingt im Archiv arbeiten musste, wie documenta-Professorin Dr. Dorothea von Hantelmann, habe Zugang gehabt. Das Archiv sei „grundsätzlich durch den Archivleiter und das Sekretariat besetzt“. Leider sei das Medienarchiv von einem längeren Ausfall betroffen.

Lexikonwissen:

Die documenta im Regiowiki

Es klingt angesichts dieser prekären Personallage wie Zukunftsmusik, wie Mörsch - vor den Ferien - von den Möglichkeiten des Archivs schwärmte. Es gewinne den Nachlass des Plakatkünstlers Hans Hillmann und den Vorlass des Fotografen Floris Neusüss, was den Bestand wunderbar ergänze, um die Wechselwirkung von documenta und Kunsthochschule deutlich zu machen.

Durch die documenta-Professur stiegen die Nutzerzahlen. Viele entdeckten das Archiv als hervorragend ausgestattete Bibliothek. Er sei sicher, dass jede Zielgruppe für die Archivalien fasziniert werden könne. Die angedachte Fusion mit der documenta GmbH „befürworte ich absolut“, sagt der 39-Jährige - Stadt und Land gemeinsam sollten eine räumliche und personelle Ausstattung bereitstellen, die dem Ruf und den Anforderungen des Archivs gerecht werde. Fest steht: „Wir brauchen dringend ein Depot.“ Er plädiere für die Erweiterung im Dock 4, nahe zum Fridericianum als Ort der documenta-Geschichte, zentral, erreichbar, auch dicht an der freien Szene.

Viele offene Fragen also. Es sei ein Glück und eine Herausforderung, so Mörsch, dass alles in Bewegung sei, „wir alles neu machen müssen. Ich bin ganz sicher, dass wir das 60. Jubiläum der documenta 2015 gebührend feiern können.“

Das Archiv in der Museumsnacht

Das documenta-Archiv beteiligt sich am Samstag an der Museumsnacht: Führungen mit Dr. Gerd Mörsch beginnen um 17.15, 19.15, 21.30 und 23.15 Uhr. Um 20 Uhr eröffnet die Ausstellung „Lesezeich(n)en“ von Katrin Leitner, Einführung: Bernhard Balkenhol. Um 20.30 und 22.15 Uhr läuft im Open-Air-Kino ein Harry-Kramer-Programm. Künstler Eberhard Weyel führt um 18.15, 20.30 und 22.30 Uhr durch sein „Museum für Reproduktion (Musée Benjamin)“. 13 Mitglieder des documenta-Forums präsentieren Archivalien aus 13 documenta-Ausstellungen (18.45 Uhr, Untere Karlsstr. 4).

Von Mark-Christian von Busse

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