documenta-Archiv: Ideen für den Rohdiamanten

Kassel. Es war der in Kassel lebende frühere Leiter des Museums Wiesbaden, Dr. Volker Rattemeyer, der am Freitagabend nach eineinhalb Stunden Diskussion in der Kunsthochschule über die Zukunft des documenta-Archivs die entscheidende Frage auf den Punkt brachte:

Will das Land einsteigen? Und wenn ja, mit welcher Perspektive, in welchem Rahmen, unter welchen Bedingungen?

Wissenschaftliche Grundlage ist entscheidend, und die eigentliche documenta darf nicht leiden: Eva Kühne-Hörmann.

Eva Kühne-Hörmann, Ministerin für Wissenschaft und Kunst, erwiderte: „Ich signalisiere Bereitschaft. Aber das geht nicht in drei oder sechs Monaten.“ Es müsse über Konzepte, nicht Trägerschaften und Eigentumsverhältnisse von Akten geredet werden. Wenn das Archiv bloß unter das Dach der documenta GmbH schlüpfe, für die Stadt Kassel und Land Hessen gemeinsam Verantwortung tragen, werde das „nicht automatisch zum Erfolg führen“. Und: Die Akzeptanz der documenta in der Bevölkerung müsse sich verbessern, erst dann könne das Land mehr Geld dafür ausgeben - Kühne-Hörmann nannte eine notwendige Summe von 40 Mio. Euro. „Es muss eine breite Bewegung geben.“

Freut sich über den Wunsch aller, das Archiv zu stärken: Dirk Schwarze.

Dirk Schwarze, Vorsitzender des documenta-Forums, hatte zu Beginn die Leistung, Potenziale sowie Mängel an Ressourcen des Archivs skizziert. Dass es Investitionen braucht, also größere Räume undmehr Personal, auch dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, das Archiv, womöglich mit einer neuen Trägerschaft, neu zu positionieren - bei all dem stimmten die vom Verein Kulturnetz eingeladenen Debattenteilnehmer überein. Oberbürgermeister Bertram Hilgen formulierte, es sei ein „ungeschliffener Diamant“. Allein werde die Stadt den „deutlichen Schub“ aber nicht leisten können: „Wir brauchen Partner.“

Die Stadt braucht starke Partner wie das Land und die Kulturstiftung des Bundes: OB Bertram Hilgen. Fotos: Zgoll

In den Zwischentönen gab es dann aber doch deutliche Differenzen. Kulturdezernent Hilgen betonte, die documenta sei trotz des Erfolgs2012 kein Selbstläufer, die Institution müsse auch zwischen den Ausstellungen gestärkt und profiliert werden: „Wir müssen das Thema lebendig halten.“ Kühne-Hörmann indes warnte vor dem Risiko, die eigentlichen documenta-Ausstellungen dadurch zu „entwerten“.

documenta-Institut mit wissenschaftlichem Anspruch oder documenta-Zentrum mit populärer Vermittlung? Auch da gab es unterschiedliche Auffassungen.

Die documenta braucht einen sichtbaren, für alle zugänglichen Ort: Dr. Claudia  Jolles.

Dass gerade die Sicht von außen bereichernd sein kann, zeigten die pointierten, von den 70 Zuhörern mit viel Beifall bedachten Beiträgevon Dr. Claudia Jolles („Kunstbulletin“) aus Zürich. Sie vertrat den Archiv-Zusammenschluss European Art Network und machte deutlich, welch hervorragenden internationalen Ruf das documenta-Archiv besitzt: Es sei schlicht „einzigartig“, exemplarisch für das ganze Spektrum des Archivwesens und zwischen Bratislava und Reykjavik ohne Erklärungen allen ein Begriff: „documenta sagt alles.“ Den Archiven gehöre die Zukunft, ist Jolles überzeugt: „Ein Archiv ist nie fertig, es hat Leben.“

Archiv und Wissenschaft

Archiv ist für die Studierenden bedeutsam: Prof. Joel Baumann.

Dorothea von Hantelmann übernimmt zum Wintersemester eine auf zwei Jahre angelegte documenta-Gastprofessur an der Kunsthochschule. Das teilte Prorektor Prof. Joel Baumann bei der Podiumsdiskussion mit. Die Berliner Kunsthistorikerin, die auch als Kuratorin arbeitet, untersuchte in ihrer Doktorarbeit, wie Kunst gesellschaftliche Wirkung entfaltet.

Für Eva Kühne-Hörmann ist die Professur ein Beleg dafür, dass das Land „in Vorlage geht“. Sie ist überzeugt, dass das Archiv grundsätzlich „wissenschaftlich angedockt“ sein müsse, womöglich an der Universität. Den Brückenschlag zur Uni unterstrich auch Bertram Hilgen. Dr. Claudia Jolles widersprach: Wenn sich Kassel am Kunstbegriff der documenta-Leiter Arnold Bode und Harald Szeemann orientiere, für die Kunst Kommunikation gewesen sei, folge aus dieser „Gesprächsoffenheit“, dass der wissenschaftliche Diskurs nur eine Aufgabe eines documenta-Zentrums oder -Instituts sein könne. Es solle vielmehr - womöglich auch mit Café - als offenes Haus ein niederschwelliges Angebot machen, auch Künstler, Touristen und Schulklassen ansprechen. So könne die documenta auch zwischen den Ausstellungen einen „sichtbaren Ort“ in der Stadt haben.

Von Mark-Christian von Busse

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