documenta-Künstler Mo Edoga gestorben: Er baute den Signalturm der Hoffnung

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Mannheim/Kassel. Natürlich blieb auch der „Signalturm der Hoffnung“, den der nigerianische Künstler Mo Edoga 1992 während der documenta 9 auf dem Kasseler Friedrichsplatz errichtete, nicht von der Frage „Und das soll Kunst sein?“ verschont.

Doch am Ende liebten die Kasseler das Konstrukt aus Schwemmholz, das im Verlauf der 100 Tage immer weiter gewachsen war - und in dem nachts auch schon mal Jugendliche (verbotenerweise) herumkraxelten.

Vor allem aber schlossen sie den Erbauer Mo Edoga in ihr Herz, der während der documenta-Zeit nicht nur an seinem Turm baute, sondern sich den Besuchern als aufgeschlossener, freundlicher Gesprächspartner zur Verfügung stellte. Wie erst jetzt bekannt wurde, starb Mo Edoga bereits am 17. Juni in Mannheim, wo er seit 1982 mit seiner Frau lebte, einer Ärztin, die er beim Medizinstudium in Heidelberg kennengelernt hatte. Laut „Mannheimer Morgen“ starb Edoga „plötzlich und unerwartet“ - eine Todesursache wurde nicht genannt. Er wurde 62 Jahre alt.

Bevor er sich der künstlerischen Arbeit widmete, hatte der 1952 in Nigeria geborene Edoga seinen Arztberuf ausgeübt und im südafrikanischen Johannesburg als Neurochirurg praktiziert. Ein äußerer Anlass führte ihn dazu, mit Schwemmholz künstlerisch zu arbeiten. Nach dem Jahrhunderthochwasser von 1988 an Rhein und Neckar fand sich Schwemmmaterial in großen Mengen am Neckarufer. Edoga sammelte zahlreiche Hölzer und verband sie mit Paketbändern, die er „Ariadnefäden der Weltgeschichte“ nannte, zu einer turmartigen Plastik mit dem Titel „(Huldigung an) Vater Rhein und Mutter Neckar“. In die Arbeit integrierte er zahlreiche andere Fundstücke.

Zu den Prinzipien seiner Arbeit gehörte, dass sie nicht einer vorgegebenen Logik folgten, sondern quasi dem Eigenleben der verwendeteten Materialien. Edoga begriff seine Arbeit als „Work in progress“, die nicht auf einen Endpunkt hin konzipiert ist. In Mannheim, wo er auf der Friesenheimer Insel ein Atelier eingerichtet hatte, arbeitete er seit Jahren an einer Großplastik. „Die Himmelskugel“ aus Schwemmhölzern entstandam Carl-Reiss-platz und sollte, so der Wunsch des Künstlers, sobald sie fertig sei, einen Abhang hinuntergerollt werden. Vermutlich ist es im Sinne Edogas, dass das Werk nicht abgeschlossen wurde.

Sein komplexes, schwer verständliches „Chaos-Prinzip der Nichteuklidie“ realisierte Edoga, als er von Jan Hoet zur documenta 9 eingeladen wurde, mit den bekannten Materialien: Schwemmholz aus der Fulda und Paketbänder.

Tatsächlich sind seine Kunst-Installationen auch immer ein Ort gewesen, an dem sich Kommunikation ereignen sollte. Denn der große Kommunikator liebte es, mit Menschen über seine Kunst, aber auch über viele andere Themen zu sprechen. Dass er dabei der europäisch geprägten Zweckrationalität immer wieder ein Schnippchen schlagen konnte, freute ihn besonders.

Von Werner Fritsch

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