documenta-Künstler On Kawara ist tot

+
Ute Grunwald und Stefan Müller bei der Documenta11

Der japanische documenta-Künstler On Kawara, der an drei documenta-Ausstellungen in Kassel teilgenommen hat, ist im Alter von 81 Jahren in New York gestorben. Bekannt wurde er vor allem mit seinen Datumsbildern der Serie "Today".

Kassel. Von 1970 bis 1979 hat der japanische Künstler On Kawara Telegramme an Freunde und Kollegen gesandt, die nur diesen Inhalt hatten: „I am still alive. On Kawara.“ Ich lebe noch. Ein Lebenszeichen wird er nie mehr versenden können - der Teilnehmer der documenta-Ausstellungen 6, 7 und 11 ist, wie seine Galerie David Zwirner mitteilte, am Donnerstag 81-jährig in New York gestorben, wo er seit Mitte der 60er zu Hause war.

Die Zeit und ihr Verlauf, Vergänglichkeit - das war das Lebensthema des am 2. Januar 1933 in Kariya (Aichi) geborenen Künstlers, der keine Interviews gab, sich nicht fotografieren ließ, nie auf einer Vernissage erschien. Aber On Kawara, der als einer der bedeutendsten Konzeptkünstler gilt, gab mit künstlerischen, wenngleich minimalistischen Mitteln tagebuchartig Auskunft über sein Leben, dessen Vergehen, die Verwandlung von Zukunft und Gegenwart in Vergangenheit.

Am 4. Januar 1966 hat On Kawara das erste Datumsbild seiner „Today“-Serie gemalt. Heute existieren in sechs Formaten über 2000 der ungerahmten Leinwände. Auf monochrome Acrylfarbe malte der Künstler zentral von Hand das Datum in der Schreibweise des Landes, in dem er sich gerade aufhielt - etwa „DEC. 8, 1975“ in New York oder „6. JULI 1976“ in Berlin. Jedes Gemälde wird mit der Seite einer lokalen Tageszeitung vom gleichen Tag in einer Schachtel aufbewahrt. Das einzelne Bild behält, trotz des seriellen Charakters, etwas Individuelles. Und das überaus erfolgreich: 2007 wurden in Genf zehn Datumsbilder für knapp 2 Mio. Euro versteigert.

Mit anderen Aufzeichnungen dokumentierte On Kawara alltägliche Handlungen: Serien wie „I Read“, „I Went“, „I Met“, „I Got Up At“ teilten mit, wann er aufgestanden, wen er getroffen, was er gelesen hat.

Die Materialisierung von Zeit, die Messbarkeit der menschlichen Existenz faszinierten On Kawara. Bei der Documenta11 von Okwui Enwezor lasen Freiwillige - im stündlichen Wechsel je ein Mann und eine Frau - als Live-Performance in einem Glaskasten sitzend auf Englisch endlose Ketten Jahreszahlen vor, wie eine Meditation - wenngleich die Versuchung groß war, aus der ungewohnten Perspektive nebenbei das Publikum zu beobachten. Mit Lautsprechern wurde die Aufnahme im Fridericianum übertragen und später im HR gesendet.

On Kawara hatte die Jahreszahlen von 998.031 vor Christus bis 1969 („One Million Years - Past“) und von 1981 bis 10001980 („One Million Years - Future“) aufgeschrieben. 500 Jahre auf einem Bogen, 2000 Blatt, „und die Geschichte der Menschheit findet sich lediglich auf den letzten zehn Seiten wieder“, sagte On Kawara - ein Wimpernschlag der Weltgeschichte. Er selbst wird in der Kunstgeschichte und in der Historie der documenta weit mehr sein als eine Fußnote. Das Guggenheim Museum in New York plant für 2015 eine On-Kawara-Retrospektive.

Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.