documenta-Künstlerin Philipsz stellt in Bregenz aus

Prägende Architektur: Susan Philipsz schafft trotz nur weniger Exponate im Kunsthaus Bregenz eine Installation über vier Stockwerke und mit geradezu soghafter Wirkung. Beeindruckend geglückt ist der Bezug auf den Bau von Peter Zumthor – rechts der Blick ins Treppenhaus hinab. Fotos: von Busse

Ergreifende Klangräume schafft die in Berlin lebende schottische Künstlerin Susan Philipsz im Kunsthaus Bregenz. Dabei bezieht sie sich auch auf die Architektur des Museums.

Susan Philipsz, Teilnehmerin der documenta 13 in Kassel, hat im Kunsthaus Bregenz eine tief bewegende Ausstellung eingerichtet. „Night and Fog“, Nacht und Nebel, ist ihr Titel.

Die Filmmusik

Philipsz versteht ihre Arbeiten als „Sound-Skulpturen“. Ihr künstlerisches Material ist der Klang. In Bregenz bildet den Ausgangspunkt die Filmmusik des österreichischen Komponisten Hanns Eisler (1898-1962) für den ersten Dokumentarfilm über die Nazi-Konzentrationslager, „Nuit et brouillard“ (Nacht und Nebel), von 1955.

Regie führte Alain Resnais, der Text stammte vom ehemaligen Häftling im KZ Mauthausen, Jean Cayrol. Paul Celan übersetzte den poetischen, bisweilen auch pathetischen Text ins Deutsche. Der 32-minütige Film mit unfassbar schrecklichen Bildern aus den Vernichtungslagern, der gleichzeitig schon die Erinnerung an den Holocaust reflektiert, ist (ab zwölf Jahre) im Untergeschoss des Museums zu sehen.

Der Klangraum

Bei ihren akustischen Werken arbeitet Philipsz meist ortsspezifisch. Für Bregenz hat sie Eislers Musik neu arrangiert. Sie hat die Stimmen nur weniger Instrumente einspielen lassen. In jedem der vier Geschosse erklingt ein separater Teil der Komposition: lediglich Bassklarinette, Klarinette, Trompete, Horn und Violine. Wenn andere Instrumente einsetzen würden, entstehen Lücken. Über das Treppenhaus jedoch fließen die Töne gleichzeitig auch ineinander. Melodien wiederholen sich, wie aber gleichermaßen Abwesenheit und Verschwinden spürbar werden.

Der Friedhof

Trennung und Distanz: Ein fünfter Teil der Komposition - die Flöte - dringt aus dem Wald, der den an einem Hang gelegenen Jüdischen Friedhof in Hohenems umgibt, 20 Kilometer von Bregenz entfernt. Die Stufen des Friedhofs wiederum sollen den Bezug zu den das Kunsthaus prägenden steilen Treppen herstellen.

Die Exponate

Die Räume werden durch 48 Lautsprecher - zwölf auf jeder Ebene - bestimmt. An den Betonwänden hängen nur wenige Objekte: Riesige Drucke der Eisler-Originalmanuskripte, teils wie mit Nebelschwaden überzogen, teils mit geschwärzten Auszügen der FBI-Akten aus seinem Exil in den USA bedruckt, sowie in einem Stockwerk Fotografien von im Krieg zerstörten Oboen, Querflöten oder Trompeten aus dem Musikinstrumentenmuseum Berlin.

Die Bezüge

Philipsz hat mit der Ausstellung ein Netz vielfältiger Verweise geknüpft: Zum Filmtitel „Nacht und Nebel“, der auf einen frühen Erlass zur heimlichen Verschleppung politisch missliebiger Nazigegner zurückgeht, stellt sie auch einen Bezug zur phänomenalen Architektur von Peter Zumthor her: Der Schweizer hatte sich das Museum immer als Leuchtkörper im Dunstschleier des für den Bodensee charakteristischen Nebels vorgestellt.

Mit den Blasinstrumenten legt Philipsz den Fokus auf den Atem, der durch Klarinetten und Hörner hindurchströmt, wie er durch die Räume fließt. Atmen als Merkmal des Lebendig-Seins, Inbegriff der Seele: Drei Fotos von Philipsz’ Atem, kondensiert auf Glasscheiben, „Vernebelt“ betitelt, hängen im Treppenhaus.

Die Wirkung

Die isolierten, aus der Gesamtkomposition gerissenen Klänge ergeben doch wieder ein Ganzes - und das von einer sogartigen, zutiefst ergreifenden Wucht: Man möchte diese Räume lange nicht verlassen. Philipsz gelingt es, auch anhand der Zeugnisse an den Wänden, auf ganz unaufdringliche, aber umso berührendere Weise Verlust und Trauer Ausdruck zu geben.

Bis 3.4., kunsthaus-bregenz.at (mit Video und Klangbeispielen), Katalog (ab April): 42 Euro

Zur Person

Susan Philipsz wurde 1965 in Glasgow geboren. „Ihr Interesse gilt dem Wechselspiel zwischen Klang und Architektur, den psychologischen Wirkungen von Liedern und ihrer Fähigkeit, unmittelbare Gefühle und Erinnerungen wachzurufen und dadurch unsere Raumwahrnehmung zu beeinflussen“, hieß es im Begleitbuch zur documenta 2012. Ihre eindrückliche Klanginstallation am Nordflügel des Kasseler Kulturbahnhofs hatte die 1943 in Theresienstadt komponierte „Studie für Streichorchester“ des in Auschwitz umgekommenen Pavel Haas zur Grundlage.

Philipsz hat in Dundee und Belfast Kunst studiert. 2010 gewann sie für ihre Arbeit „Lowlands“, ein unter einer Brücke a cappella gesungenes Liebeslied nach einer Ballade aus dem 16. Jahrhundert, den renommierten britischen Turner-Preis. Philipsz lebt seit einem Stipendium an den Kunst-Werken 2001 in Berlin. Sie stellte zuletzt in London, Genua, New York, Wien und Berlin aus und nahm an der Manifesta in St. Petersburg und der Istanbul-Biennale teil.

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