documenta 14: Nostalgie bringt nichts voran

Umrahmt von documenta-Plakaten: Hendrik Folkerts aus den Niederlanden, einer von fünf Kuratoren der documenta 14, in der kleinen Bibliothek für nach Kassel kommende Künstler im Palais Bellevue, dem früheren Brüder-Grimm-Museum. Foto: von Busse

Kassel. Am Freitag, 10. Juni, in einem Jahr beginnt die documenta 14 in Kassel. Ein Team von Kuratoren unterstützt den künstlerischen Leiter Adam Szymczyk. Wir stellen Hendrik Folkerts vor.

Hendrik Folkerts, erst 32, ist in Adam Szymczyks Team der Experte „für alles, was sich bewegt“, also Performances und Film, sowieso für die Kunst in Südostasien und Australien. In Indonesien, Kambodscha oder Vietnam hat er Künstler besucht, um die er sich auch bei ihren Kassel-Aufenthalten kümmert: „Das ist eine gute Gelegenheit, mein eigenes Denken zu erweitern.“

Verbindungen, Beziehungen, Austausch - wenige Begriffe fallen im Gespräch mit dem Kurator so oft. Ganz gleich, ob es darum geht, dass künftige d14-Teilnehmer sich in der jungen Kasseler Südstadt-Szene umschauen oder ob er selbst ab und zu die „documenta-Blase“ verlässt, um Fühlung mit der Stadt aufzunehmen, in der er seit einem Jahr sehr gern lebt.

Oder ob davon die Rede ist, dass sich alle eingeladenen Künstler in Athen und in Kassel umschauen, Linien ziehen zwischen den documenta-Standorten 2017. Diese Verbindungen - von der Sehnsucht nach der Antike, der Projektion des Ideals eines Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) bis zur Finanz- und Flüchtlingskrise heute - seien so vielfältig, „damit könnte man vier documenta-Ausstellungen machen“.

Ziel sei nicht, Brücken zu schlagen im Sinn einer diplomatischen Mission, sondern nach den Idealen in beiden Städten zu fragen, künstlerische Sensibilität zu wecken, die sich in der Ausstellung widerspiegeln solle: „Die Künstler sind inspiriert und fasziniert von dieser Idee.“

Nicht Exklusivität und Geheimniskrämerei habe sich die documenta 14 auf die Fahnen geschrieben, betont der aufgeschlossene Folkerts. Die ortsansässige studentische und alternative Kunstszene wundere sich trotzdem, wenn sich die documenta für sie interessiert. Kassel solle überhaupt mehr Selbstbewusstsein entwickeln, aufhören, die eigene Stadt madig zu machen, rät Folkerts. Er sagt von sich selbst, er sei gar nicht rückwärtsgewandt, und warnt deshalb vor jeder sentimentalen documenta-Rückschau: „Ich glaube fest daran, dass man nach vorn schauen muss. Nostalgie allein kann nie etwas bewerkstelligen.“

Dass die Kasseler an der documenta hingen, sei großartig. Doch diese „wundervolle Institution“, mit der jeder Erinnerungen verbinde, müsse sich weiterentwickeln, um ihre Bedeutung zu behaupten. Deshalb sei die Ausweitung eine logische Konsequenz. Aufgabe des documenta-Teams sei, darauf zu achten, dass alle Besucher „an Bord bleiben“ und einen Sinn für Athen bekommen, auch ohne Geld und Gelegenheit zum Besuch dort.

Folkerts findet es generell sinnvoller, Energie in etwas Neues zu stecken, um Lücken zu füllen, statt sich über Defizite zu beklagen. Das gelte gerade auch für die Zeit zwischen den documenta-Ausstellungen. „Wartet nicht auf uns“, die documenta, sagt Folkerts. Man solle schätzen und lieben lernen, was man hat, und selbst aktiv werden: „Wenn man immer sagt, etwas sei nicht aufregend, wird es nie aufregend.“

Zur Person 

Als Hendrik Folkerts (32) vor Jahren auf einer Dachterrasse in Basel beim Wein mit dem heutigen d14-Leiter Adam Szymczyk, damals Leiter der Basler Kunsthalle, und dessen Frau, Choreografin Alexandra Bachzetsis, zusammensaß, ahnte er nicht, dass er einmal bei Szymczyks documenta mitarbeiten würde - und das voller Demut: „Eine fantastische Gelegenheit, die man nur einmal im Leben hat.“

Die beiden kennen sich vom Kuratorenprogramm am De Appel Arts Centre Amsterdam, das Folkerts koordiniert hat und wo Szymczyk zu Gast war. Mit Bachzetsis („eine großartige Performance-Künstlerin“) hatte er als Kurator für Performance, Film and Discursive Programs am Stedelijk Museum zu tun.

Der Kunsthistoriker, der in Amsterdam studierte, stammt von einem Hof bei Groningen - die bodenständige Herkunft erde ihn, wie er sagt. Schon als Achtjähriger hat er eine Art Museum eingerichtet mit Dingen, die er wertschätzte oder aus der Familie zusammentrug - die Faszination für Objekte und ihre Geschichte, fürs Ausstellungmachen, ist geblieben. Folkerts' Partner lebt in Amsterdam.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.