documenta-Teilnehmerin Judith Hopf stellt in Kassel aus

Auf unsicherem Boden: Werke von Judith Hopf (oben rechts) in ihrer Kasseler Ausstellung. Fotos:  Hedler

Bei der documenta 13 waren ihre Masken im Fridericianum zu sehen. Jetzt hat Judith Hopf in der Neuen Galerie eine große Einzelausstellung. Sie befasst sich mit der digitalen Überfülle.

Kassel. Die digitalen Medien verfolgen uns wie Schlangen. Bauen sich vor uns auf, zischen und züngeln, immer sprungbereit, blitzschnell. Lassen uns nicht in Ruhe. Es gibt kein Entkommen.

Judith Hopf, deren erste große institutionelle Einzelausstellung Donnerstagabend in der Neuen Galerie in Kassel eröffnet worden ist, hat schmale Schlangen aus Beton ins Museum gestellt, deren Zungen und Zähne aus E-Mail-Nachrichten bestehen. Der Zwang, permanent erreichbar zu sein, immerzu kommunizieren zu müssen, ist Hopf so wenig geheuer wie die Schlange, dieses Symbol der Versuchung und List.

„More“ ist die Ausstellung der 1969 in Karlsruhe geborenen Künstlerin betitelt. Mehr - das spielt an auf die Überfülle der Informationen, die unüberschaubare Vielzahl an Nachrichten, mit denen sich Hopf täglich konfrontiert sieht, ohne sich wirklich besser informiert zu fühlen. „More“ heißt auch ein Video, in dem sie mit den Zoom-Möglichkeiten bei Google Earth spielt und das Datennetz visualisiert, in dem wir uns verfangen können.

Lautmalerisch bezieht sich der Ausstellungstitel auf ein „Moor“, in dem die Individuen heutzutage unterzugehen drohen. Schwarze Wellen an den Wänden, zähe schwarze Flüssigkeit auf dem Boden (tatsächlich ist es Gummi) deuten dieses Moor an. Keramiken und Körbe scheinen darin zu versinken. Der Betrachter spiegelt sich in dieser glänzenden schwarzen Fläche wie Narziss im Wasser.

Gezeigt werden auch Judith Hopfs Arbeiten, die die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev 2012 im Allerheiligsten ihrer documenta 13, dem „Brain“ im Fridericianum, ausgestellt hat: Masken, die per 3D-Drucker nach dem Vorbild von Verpackungen moderner Kommunikationsgeräte gefertigt wurden. Sie wurden später für die Neue Galerie angekauft. Angeregt waren sie von Pappmaché-Gesichtern, die im damaligen Mädchenerziehungsheim Breitenau (Schwalm-Eder-Kreis) entstanden sind.

„Man hat auf einmal ein anderes Gewicht“, sagt Hopf über die Folgen der documenta, die immer noch eine „Autorität“ darstelle, etwas „Weltmeisterliches“ - eine Machtposition der Kunst, die sie selbst für sich gar nicht in Anspruch nehmen will.

Das Reizvolle an ihrer Ausstellung ist denn auch, dass sie auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Man muss nicht wissen, dass sich die Schlangen auf Gilles Deleuze, die Vasen auf Cicero beziehen lassen, oder dass sich ihr Video „Türen“ (mit Henrik Olesen) an Luis Buñuel anlehnt.

Man kann ohne Erläuterungen alle Arbeiten in ihrer eigensinnig-trotzigen skulpturalen Ästhetik und ihrem schrägen Humor wahrnehmen. Hopf favorisiert die spielerische Assoziationsfreude. Sie möchte Fantasie in Gang setzen, auch eine außersprachliche Erfahrung von Sinnhaftigkeit anregen, die nicht bewerten, sondern empfinden will.

Mit der Erwartungshaltung der Besucher spielt die in Berlin lebende Professorin der Städelschule in Frankfurt bei den „Erschöpften Vasen“. Die auf den Kopf gestellten Keramiken zeigen traurige Gesichter. Es geht um Müdigkeit in der Leistungs- und Kontrollgesellschaft - angesichts der Vielfalt unzähliger Möglichkeiten, zwischen denen man sich entscheiden muss, oder weil man alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat und nun ausgelaugt ist. Hopf denkt aber auch an von der Ausstellung möglicherweise enttäuschte Besucher, die auf missmutige Kunstwerke blicken: eine ironische Umkehrung des Blicks.

Hopfs „Waiting Laptops“ betitelte Grafiken zeigen den Menschen als Mischwesen, deren Bäuche durch Rechner ersetzt sind. Haben wir Grund, wie das Kaninchen vor der Schlange gelähmt vor den Veränderungen der digitalen Welt zu kapitulieren? Nein, meint Hopf. Unter Berufung auf Hannah Arendt hat sie im Stil eines Manifests der Französischen Revolution eine Unabhängigkeitserklärung des Menschen von der Technik formuliert. Ein Aufruf zur Emanzipation. Dabei setzt Hopf auf Offenheit statt Didaktik, wie sie beim Presserundgang erklärt: „Ich will niemanden erziehen.“

Bis 28.2., Schöne Aussicht 1, Di-So 10-17, Do bis 20 Uhr. Eintritt 6/4 Euro, Kasseler Studierende/bis 18 J. frei. Großes Begleitprogramm, Führung am Sonntag: 15 Uhr. Alle Termine: www.museum-kassel.de Katalog (Imhof Verlag) 19,95 Euro.

Von Mark-Christian von Busse

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