Revolutionär der Kunst 

100. Geburtstag: documenta-Künstler Joseph Beuys von A bis Z

Porträt des deutschen Künstlers und Kunstprofessors Joseph Beuys. Das Foto entstand 1979.
+
Der deutsche Künstler und Kunstprofessor Joseph Beuys. Das Foto entstand 1979.

Joseph Beys hätte am 12. Mai 2021 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Alles über den bekannten documenta-Künstler - von A bis Z.

Joseph Beuys zählt zu den einflussreichsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Doch bei Beuys winken viele ab. Zu sperrig, zu unzugänglich ist sein Werk. Andere sind gerade glühende Verehrer des Künstlers, der früh und beharrlich für Demokratisierung und Ökologiebewegung gestritten hat. Anlässlich des 100. Geburtstags von Beuys am 12. Mai bündeln wir wichtige Aspekte seines Lebens und Werks in einem ABC.

Anthroposophie: Ende der 1940er war Beuys mit der spirituellen Lehre Rudolf Steiners (1861-1925) in Berührung gekommen. Die Gedanken des Waldorfschul-Gründers zählen zu den wichtigsten Quellen für seine esoterische Weltanschauung.

Basalt: Jeder Baum, der bei Beuys’ Mammutkunstwerk „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ von 1982 bis 1987 in Kassel gepflanzt wurde und seither ersetzt wird, ist durch eine Stele ergänzt. Dabei handelt es sich längst nicht nur um Eichen. Ob Platane, Esche oder Zierkirsche: Der Stein muss immer sein.

Cloots, Anarcharsis, eigentlich Johann Baptist Hermann Maria Baron de Cloots (1755 auf Schloss Gnadenthal bei Kleve geboren, 1794 in Paris hingerichtet), Schriftsteller und Politiker der Französischen Revolution, nannte sich „Redner des Menschengeschlechtes“. Beuys identifizierte sich mit dem Verfechter der Menschenrechte und nannte sich phasenweise „Josephanacharsis Clootsbeuys“.

Deutscher Pavillon: Auf der Venedig-Biennale 1976 zeigte Beuys die „Straßenbahnhaltestelle („A Monument to the Future“). Beuys bezog sich auf Kindheitserinnerungen, als er in Kleve an der Haltestelle „Am Eisernen Mann“ neben einem Barockdenkmal wartete.

Einbaum: Sein Schüler Anatol hatte ein Boot gebaut, in dem der Künstler 1973 in Düsseldorf triumphal den Rhein zur Kunstakademie überquerte: „die Heimholung des Joseph Beuys“. Das trieb die Auseinandersetzung mit Wissenschaftsminister Johannes Rau auf die Spitze. Beuys ignorierte die Vorgaben des Zulassungsverfahrens. Er nahm statt 30 bis zu 400 Studenten auf. 1974 gründete er die „Free International University“.

Fluxus: Avantgarde-Kunstrichtung der 1960er, der es auf Ideen, Prozesse und Happenings ankam, weniger auf abgeschlossene Werke. Fluxus-Aktionen zählen zum Kern von Beuys’ Werk. 1964 schlug ihm ein aufgebrachter Student die Nase blutig. Blut floss, der Künstler streckte dem Publikum unverdrossen ein Kruzifix entgegen.

Grinten, van der: Auf dem Bauernhof der Familie in Kranenburg stellte Beuys 1953 erstmals aus, hier fand er Zuflucht, als er unter Schwermut und Antriebslosigkeit litt. Die Brüder Hans und Franz Joseph van der Grinten übergaben ihre riesige Beuys-Sammlung an das Museum Schloss Moyland (Bedburg-Hau). Kurz vor seinem Tod erzählte Franz Joseph van der Grinten voriges Jahr dem „Spiegel“: „Beuys lachte gern, auch über sich selbst. Er hatte ein intensives Verhältnis zum Leben und zu allen Geschöpfen.“ Die Hasen, die er für Aktionen verwendete, weidete er aus und briet sie.

Honigpumpe am Arbeitsplatz: Installation während der documenta 1977, als 150 Kilogramm Honig durch ein Schlauchsystem durchs Fridericianum gepumpt wurden. Daneben rotierte eine Kupferwelle in 100 Kilo Margarine. Beuys-Werke waren siebenmal auf der documenta zu sehen. „The pack (das Rudel)“, der VW-Bus mit 24 Schlittenobjekten in der Kasseler Neuen Galerie, ist kein documenta-Beitrag.

Immendorff, Jörg: Einer der berühmt gewordenen Schüler von Beuys – wie Katharina Sieverding oder Blinky Palermo. Mit Besetzungen und Hungerstreiks kämpfte seine Klasse für den Professor, der den Rechtsstreit mit dem Land bis vor das Bundesarbeitsgericht ausfocht.

Jeder Mensch ist ein Künstler: Beuys’ „erweiterter Kunstbegriff“ in Kürzestform. Er bedeutet nicht, dass jeder zeichnen, malen oder bildhauern solle. Beuys sah in der Kreativität und schöpferischen Energie jedes Einzelnen das Kapital der Gesellschaft und Potenzial für deren Umgestaltung.

Kojote: 1974 verbrachte Beuys drei Tage in einer New Yorker Galerie – allein mit dem Tier („I like America and America likes Me“). Galerist René Block leitete später das Fridericianum in Kassel.

Lehmbruck-Preis: Die alle fünf Jahre verliehene Auszeichnung in Duisburg nahm Beuys, schwer lungenkrank, Anfang 1986 entgegen. Elf Tage später, am 23. Januar, starb er an Herzversagen.

Mataré, Ewald: Professor, in dessen Klasse für Monumentalbildhauerei Beuys ab 1947/48 in Düsseldorf studierte. Als Meisterschüler arbeitete er an dessen Aufträgen etwa für den Kölner Dom mit. Als Auftragswerk schuf Beuys 1959 das „Büdericher Ehrenmal“ für die Weltkriegstoten in Meerbusch.

Niederrhein: Hier waren Beuys’ Wurzeln. Geboren in Krefeld, wuchs der Sohn eines Kaufmanns und Düngemittelhändlers in Kleve auf. Beuys spielte Cello im Gymnasium, ob er Abitur gemacht hat, ist unter den Biografen umstritten. 1941 meldete er sich zur Luftwaffe.

Oberkassel: Der Düsseldorfer Stadtteil war Lebens- und Arbeitsmittelpunkt der Familie Beuys. 1959 heiratete der Künstler die Bonner Professorentochter Eva-Maria Wurmbach, die Kinder Wenzel und Jessyka kamen zur Welt. Die Familie verkaufte das Wohn- und Arbeitsatelier am Drakeplatz 4 im Jahr 1999. Kürzlich war die Immobilie auf dem Markt: „Dank Altbau-Charme, hohen Decken und einzigartigem Schnitt“ böten die Räume eine „außergewöhnliche Atmosphäre inmitten kunstgeschichtlicher Bedeutsamkeit“, warb die Immobilienfirma. Der Preis: unbekannt.

Plastik: Meint bei Beuys nicht nur das Kunstobjekt, das durch Auftragen von Material und Modellieren entsteht. Beuys ging es um die Soziale Skulptur: „Eine Gesellschaftsordnung wie eine Plastik formen, das ist meine und die Aufgabe der Kunst.“ Ziel war die Einheit von Leben, Kunst, Politik und Gesellschaft – wie bei den „7000 Eichen“ in Kassel.

Querelen: Erlebte Beuys in der Gründungsphase der Grünen, als er sich an der Seite von Petra Kelly und Rudi Dutschke für die neue Partei engagierte. 1979 war Beuys einer der Spitzenkandidaten bei der Europawahl.

Riegel, Hans Peter: Der 61-jährige Schweizer kratzte 2013 mit seiner viel beachteten Biografie am Denkmal, manches Feuilleton sah den Heiligen Beuys entzaubert. Riegel enthüllte abstruse Äußerungen des sendungsbewussten Künstlers und Stilisierungen seines Lebenslaufs.

Sturzkampfflugzeug: Der spätere Tierfilmer Heinz Sielmann bildete Beuys zum Bordfunker aus. Am 16. März 1944 zerschellte Beuys’ Flugzeug auf der Krim, er erlitt Brüche, kam ins Lazarett. Ab August 1944 war er als Oberjäger in der Fallschirmjäger-Division Erdmann an der Westfront. Bis in die 70er ging er zu Veteranentreffen.

Tataren sollen den verletzten Funker nach dem Stuka-Absturz tagelang mit Fett gesalbt und in Filz gewickelt haben. Daher Beuys’ Vorliebe für diese Materialien (immer wieder lustig: Geschichten versehentlich entsorgter Beuys-Fettecken). Die Legende der Nomaden, die ihm das Leben retteten, ist als Erfindung entlarvt – wie die angebliche Metallplatte im Schädel.

Unverwechselbar: Beuys’ Auftritte in eben diesem Filzhut und mit der Anglerweste hatten etwas vom Guru, der Jünger um sich scharte. Auch als Schamane wurde Beuys wahrgenommen. In der persönlichen Begegnung wurde er meist als zugewandt und freundlich erlebt.

Volksabstimmungen: Auf der documenta 1972 richtete Beuys ein „Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ ein. Unablässig diskutierte er mit Gästen. Er stieg in Kassel sogar in den Boxring.

Wärme: Schlüsselbegriff für Beuys, der in Gegensätzen dachte: hier ungerichtete, chaotische Energie, dort das kristalline Formprinzip, ein Kältepol. Daraus leitete er Paarbildungen ab: Stillstand/Bewegung, Starrheit/Entwicklung, Stein/Baum, Wunde/Heilung.

X-mal gab es Kunst von Beuys in Multiples, als Objekte in höherer Auflage: Holzschnitte, Radierungen, Druckgrafik und Plakate. Eines der letzten Multiples war die Capri-Batterie: eine gelbe Glühlampe mit einer Zitrone.

Youtube bewahrt Aktionen und Auftritte von Beuys. Kurios sein schlichter Friedensbewegungs-Song „Sonne statt Reagan“ 1982 mit Musikern von BAP in der ARD-Sendung „Bananas“. Für japanischen Nikka-Whisky warb Beuys, um Geld für die „7000 Eichen“ zu sammeln.

Zarenkrone: Zur Finanzierung der „7000 Eichen“ schmolz Beuys in Kassel eine Kopie der Krone des Zaren Iwan des Schrecklichen ein – und verwandelte sie in einen Hasen. Schon seine erste Galerieausstellung 1965 hatte er „wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ betitelt. Der Hase stand für Metamorphose, Bewegung, Transformation. Auf die Frage, ob er Humanist sei, antwortete Beuys: Er sei lieber ein Hase. (Mark-Christian von Busse)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.