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91-Jährige war auf ihrer 15. documenta

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Von: Thomas Siemon

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Mit dem Rollstuhl hat es gut geklappt: Helga Seibert (91) war auf ihrer 15. documenta. Hier ist sie im Fridericianum vor einem Bild von Project Art Works zu sehen.
Mit dem Rollstuhl hat es gut geklappt: Helga Seibert (91) war auf ihrer 15. documenta. Hier ist sie im Fridericianum vor einem Bild von Project Art Works zu sehen. © Privat/nh

Sie war 1955 schon als Besucherin dabei. Die 91-jährige Helga Seibert hat jede documenta gesehen. Jetzt auch die 15. Auflage.

Kassel – Etwas anstrengend sei es schon gewesen, aber die 91-jährige Helga Seibert hat es geschafft. Mit Unterstützung des jüngsten ihrer drei Söhne war sie auf der documenta fifteen. Also auf der 15. documenta seit der Premiere mit Arnold Bode im Jahr 1955. Das Besondere: Helga Seibert hat von Anfang an alle Ausstellungen gesehen. Darüber haben wir zum Auftakt der aktuellen documenta berichtet. Verbunden mit dem Hinweis, dass sie den Anfangstrubel mit großer Hitze vermeiden und sich noch etwas Zeit lassen will. Genau so hat sie es gemacht.

In ihrer eigenen Wohnung kommt Helga Seibert noch ganz gut mit einem Rollator zurecht. Für die vergleichsweise weiten Wege in den Ausstellungsorten Fridericianum, documenta-Halle und Ottoneum hat sie sich einen Rollstuhl ausgeliehen. Das war ungewohnt, hat aber gut funktioniert. „Die Menschen waren total freundlich und rücksichtsvoll“, sagt die gelernte Bibliothekarin.

Zu ihrer ersten documenta vor 67 Jahren kam sie eher durch einen Zufall. Denn eigentlich hatte die Bustour von Marburg aus die Bundesgartenschau in Kassel als Ziel. Eine Sitznachbarin im Bus sprach sie damals an und erzählte, dass im Fridericianum moderne Kunst zu sehen sei. Ob sie sich dafür wohl auch interessiere?

Das war der Beginn einer besonderen Beziehung zur documenta. Der Umzug nach Kassel mit ihrem Mann, der hier als Lehrer am Wilhelmsgymnasium gearbeitet hat, die drei Kinder, die schon früh mit zur documenta durften, Picasso, Christo, Beuys und der Himmelsstürmer – das hat sie alles vor Ort gesehen und erlebt.

Und jetzt? „Besonders gut haben mir die Wandteppiche in der Rotunde des Fridericianums gefallen“, sagt die rüstige Seniorin. Die will sie sich auf jeden Fall ein zweites Mal und dann etwas länger ansehen. Vielleicht auch noch einmal im zweiten Obergeschoss bei den Gemälden von Project Art Works vorbeischauen. Ganz bestimmt aber noch bei den Standorten im Kasseler Osten. Über St. Kunigundis, das Hallenbad Ost und das Hübner-Gelände habe sie schon viel gelesen. Der erste Eindruck nach der Auftaktrunde: „Das ist sehr interessant und hat mir richtig gut gefallen“, sagt sie.

Und was ist mit den Debatten über Antisemitismus auf der documenta und der bundesweiten Kritik? Das sei ausgesprochen schade und teilweise auch völlig überzogen, sagt sie. Aus ihrer Sicht ist es unangemessen, der gesamten documenta Antisemitismus vorzuwerfen.

Allzu viele Belehrungen zu diesem Thema brauche sie nicht, als Besucher könne man sich doch selbst ein Bild machen. Genügend Lebenserfahrung hat sie mit ihrem Geburtsjahr 1931 auf jeden Fall. Als junge Frau hat sie das Dritte Reich und den Krieg erlebt. Die erste documenta, auf der Werke zu sehen waren, die von den Nazis noch als entartete Kunst diffamiert wurden, habe sie als eine Befreiung erlebt. Auch die aktuelle Ausstellung empfinde sie als inspirierend. Die documenta fifteen habe es verdient, dass wieder mehr über die Kunst gesprochen werde. Helga Seibert freut sich jedenfalls schon auf den nächsten Besuch. Der ist fest eingeplant. (Thomas Siemon)

Vor dem Fridericianum: Die Aufnahme entstand kurz vor der Eröffnung der documenta. Archi
Vor dem Fridericianum: Die Aufnahme entstand kurz vor der Eröffnung der documenta. Archi © Dieter Schachtschneider

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