Das Areal von Pierre Huyghe in der Aue zeigt, wie die documenta-Zeit vergeht

Abschied von Human

Pierre Huyghe

Kassel. Aus dem nordhessischen Sommer wird immer mehr Herbst. Und aus dem spanischen kleinen Jungen wird ein stattlicher Kerl.

Auf dem Areal „Untilled“ des Künstlers Pierre Huyghe in der Aue kann man mit am besten beobachten, wie die documenta-Zeit vergeht. Das pinkfarbene Springkraut hat seine Samen verschleudert, die Bäume um die Kompostieranlage färben sich zartgelb, und der hellbraune Windhund-Welpe Señor ist nur noch ein bisschen kleiner als seine Mutter Human. Die mit dem springkrautfarbenen Bein.

Bei Pierre Huyghe scheint das documenta-Konzept, nichtmenschliches Leben in den Fokus zu stellen, aufgegangen zu sein. Denn die beiden Hunde, die auf seinem Gelände wohnen, sind vielleicht die größten Stars dieser documenta. Magazintitel, Fernsehauftritte und Klatschgeschichten inklusive.

Das verwucherte Gelände ist jedoch vielen Besuchern ein großes Rätsel geblieben. Warum muss hier ein Betonbottich mit abgestandenem Wasser stehen? Und diese Platten, die aussehen, als wolle man einen Gartenweg pflastern?

Pierre Huyghe selbst ist zurückhaltend mit Aussagen über seine Kunst. Aktuell beantwortete er uns keine Fragen. „Wenn ich ein Projekt anfange, muss ich immer eine Welt erschaffen“, sagt der 50-jährige Franzose, der in New York lebt. Für die d13 hat Huyghe aus der Kompostieranlage ein Biotop gemacht, das er sich selbst überlassen hat. Es ist eine Verbindung von Dingen, die sich verändern (Pflanzen, Hunde, Besucher) und beständigen anorganischen Objekten (Beton). Am deutlichsten wird diese Symbiose an dem steinernen Frauenakt, um dessen Kopf sich ein Bienennest gebildet hat. Damit die nun Tausende von Köpfen dort bleiben, muss der tote Stein auf Körpertemperatur geheizt werden – sich also lebendig anfühlen.

Ob sich die Bienen dort wohlfühlen, fragten sich viele, die durch das Areal schlenderten. Eine Antwort ist für Menschen kaum möglich. Überhaupt hat das Wohl der Huyghe-Tiere Kasseler Gemüter erhitzt. Sogar eine Anzeige wegen Tierquälerei wurde erstattet. Doch die documenta-Leitung wie „Hunde-Sitter“ Marlon Middeke aus Kassel beteuerten mehrmals, dass es den Windhunden Human und Señor trotz ihrer extrem dünnen Körper gut gehe. Auch vom Tierarzt wurden Mutter und Sohn für fit befunden.

Die Karriere in der Kunstwelt soll für die ehemaligen Straßenhunde aus Spanien nun auch zu Ende sein. Middeke will die beiden behalten und ihnen ein normales Hundeleben ermöglichen.

Neben den Tieren wird auch Huyghes Biotop verschwinden. Wie Michael Boßdorf von der Museumslandschaft Hessen Kassel bestätigt, wird das Areal nach und nach wieder zur Kompostanlage. Auch dort findet sich der Kreislauf aus Werden und Vergehen. Ganz ohne documenta. Pierre Huyghes spricht heute, 19 Uhr, im Ständehaus „Über die Umkehr von Zeit und Raum“. Archivfoto: Kasiewicz

Von Saskia Trebing

Quelle: mydocumenta

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