Neues Buch mit Erinnerungen an frühere documenta-Ausstellungen 

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Faszinierende Inszenierung: Das Fridericianum bei der documenta 1955.

In seiner Eröffnungsrede zur ersten documenta 1955 versprach Werner Haftmann, der die kunsthistorische Leitung innehatte, dass der Besucher, wenn er sich „mit einer erwartungsvollen Spannung ergeht“, wundervolle Funde machen könne, „die mit ihrem Glanz ihm das Grau des Alltags noch lange erhellen werden“.

Und weiter: „Vielleicht nimmt er den Glanz mit, und dann wird sich sein Leben wirklich ändern.“

Dass Haftmann nicht übertrieb, zeigt ein neuer Sammelband, der für Fans der documenta ein Muss ist. Harald Kimpel, Kasseler Kenner der documenta-Geschichte, hat Erinnerungen von Künstlern, Museumsleuten, Galeristen, Journalisten und Politikern an die documenta-Ausstellungen zusammengetragen. Aufnahmen aus dem documenta-Archiv ergänzen die teils sehr persönlichen Texte, die vor allem aus Autobiografien und Interviews stammen. Einige Gespräche wurden eigens geführt.

Deutlich wird gerade das euphorische Erlebnis der Anfänge. Vieles wurde improvisiert: „Keine Minute würde heute ein Verleiher unter solchen Umständen Bilder einem Aussteller überlassen“, sagt die Tochter des documenta-Gründers Arnold Bode und Teilnehmerin der d1 und d2, E. R. Nele, über den heißen Sommer 1955. Bode wird als hartnäckiger, kompromissloser, aber auch umsichtiger und genauer Visionär porträtiert. „Sein Lieblingsausdruck war ,weitermachen’“, erinnert sich sein Freund Knud W. Jensen, der 1958 das Louisiana Museum of Modern Art gründete. „Der Schrecken eines jeden Oberbürgermeisters“, erinnert sich Ex-OB Hans Eichel.

Heftige Konflikte hinter den Kulissen gab es, manche Rückschau ist trügerisch: Im Rückblick verklärt sich vieles, einige Fakten rückt Kimpel in seinen Kommentaren gerade. Werner Schmalenbach, langjähriger Leiter der Kunstsammlung NRW, der 1967 „aus Gründen künstlerischer Überzeugung“ in Kassel hinschmiss, nennt die documenta - jede - ein „monumentales Monstrum, das die künstlerische Sensibilität eher beleidigt als stimuliert“.

Wieland Schmied, bis 2004 Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, wacht noch heute schweißgebadet auf, wenn er von der documenta 1977 träumt, als Pfützen in der Orangerie standen und er die dort ausgestellten Zeichnungen kaum schnell genug vor dem Wasser retten konnte. Die documenta balanciere seit je auf dem schmalsten Grat „zwischen Absturz und Triumph, Scheitern und Gelingen, Alptraum und Utopie.“

Harald Kimpel (Hg.): documenta emotional. Erinnerungen an die Weltkunstausstellungen. Jonas, 128 Seiten, 20 Euro, Wertung: !!!!:

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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