Die griechische Hauptstadt bietet neue Reibungen

Analyse: Was die Aufteilung der documenta zwischen Kassel und Athen bedeutet

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Im Fridericianum in Kassel ist noch alles leer: Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der documenta 14, Anfang März. 

Zum ersten Mal wird eine documenta nicht in Kassel eröffnet. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf den Ableger der Schau in Athen. Was bedeutet das für die Zukunft der documenta?

Was ist überhaupt von der documenta zu erwarten? Wir spekulieren in sieben Thesen.

1. Athen tut der documenta gut. „Kassel ist langweilig“, das ist dem nigerianischen Künstler Emeka Ogboh auf einem Podium von Deutschlandradio Kultur nur so rausgerutscht, aber natürlich trifft er den Punkt wie der Satz „Das Leben ist anderswo“ des künstlerischen Leiters Adam Szymczyk.

Aus Sicht international tätiger Künstler und Kuratoren gibt es im kleinen, friedlichen, reichen Kassel wenig Konfliktstoff und Reibungspunkte.

Athen bringt neue, andere, brisante Themen – von der Finanzkrise über Deutschlands Rolle im Süden Europas bis zu den Fluchtbewegungen.

Gleichzeitig hat die Sehnsucht nach der Antike Jahrhunderte deutsche Kulturgeschichte geprägt – nicht umsonst thront der Herkules über Kassel. All das sorgt für eine spannende Ausgangskonstellation.

2. Kassel rückt (zunächst) in den Hintergrund.Im Moment sieht es aus, als spiele Kassel nur die zweite Geige (wobei man für ein vollständiges Klangbild auch die braucht). Es wirkt einfallslos, wenn Szymczyk in Kassel vor allem vorhandene Museen bespielt, während in Athen Kunst an 50 Orten in der ganzen Stadt zu erleben sein wird. Aber zum einen will der Pole bewusst bestehende Institutionen stärken. Zum anderen: Auf der Achse, die er in Kassel von der Kunsthochschule über die Innen- in die Nordstadt legt, wird vieles zu entdecken sein. Die Gewichte werden sich spätestens im Juni zugunsten Kassels verlagern. Wird Athen ein Erfolg, kommt das Kassel zugute.

3. Der Brückenschlag nach Athen wird gelingen. Zahlreiche Kasseler documenta-Fans reisen dieser Tage nach Griechenland – die Neugier auf Athen ist groß. Von dort werden zwar kaum Touristen nach Nordhessen strömen. Aber da die meisten Künstler in beiden Städten tätig waren, sich viele Arbeiten aufeinander beziehen, werden die Standorte wie mit einer Klammer verbunden.

4. Die Gigantomanie setzt sich fort.d13-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev hatte die Stadt so raumgreifend in Beschlag genommen, dass man sich fragte, wie das überhaupt zu steigern sein würde. Mit 950 000 Besuchern schien organisatorisch das Ende der Fahnenstange erreicht. Der Kasseler documenta-Kenner Harald Kimpel fand deshalb die Idee einer Ausweitung nach Athen folgerichtig: Es blieb nur noch, über Kassel hinauszugehen.

Szymczyk hat die documenta schlicht verdoppelt. Bei der Zuschauerzahl die Millionengrenze zu reißen, scheint möglich. Allerdings wirkt es paradox, dass eine Schau, die so dezidiert kapitalismuskritisch ist, eines von dessen Merkmalen – ungehemmtes Wachstum – selbst verinnerlicht zu haben scheint.

5. Es wird spektakuläre und aufregende Kunst geben. Und zwar in Athen und in Kassel. So heimlichtuerisch, wie viele Medien behaupteten, war das d14-Team zuletzt gar nicht. Viele Künstlernamen kursieren, gezielt wurden Informationen gestreut. Szymczyks Team wird keine Leistungsschau der gewichtigsten Galerien präsentieren, sondern hat zahlreiche junge, unbekannte Künstler in entfernten Weltgegenden entdeckt. Was bekannt ist – angefangen mit dem spektakulären „Parthenon der Bücher“ von Marta Minujín auf dem Friedrichsplatz – gibt Anlass zu Spannung und Vorfreude.

6. Mit Protest und Widerspruch ist zu rechnen.Bei jeder d14-Neuigkeit melden sich Kritiker zu Wort: Das soll Kunst sein? Dafür wird Steuergeld ausgegeben? Wutbürger äußern Vorbehalte gegen das Establishment, fühlen sich gemaßregelt, wenn „Normalität“ infrage gestellt wird – so ist der Zeitgeist. Der Kasseler „Bratwurststreit“ zum Tag der Erde und das Glockenspiel am Limburger Dom („Fuchs du hast die Gans gestohlen“) waren jüngst Beispiele. Eine documenta, die Gender-Themen, Migration, indigene Minderheiten, Raubkunst und Kolonialismus in den Fokus rückt, ist wie gemacht für Proteste.

Auch die Kunst wird für Diskussionen sorgen. Angekündigt ist etwa ein Film von Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor, die einen Kannibalen zu Wort kommen lassen, der in Paris eine Frau getötet und Teile ihrer Leiche verzehrt hatte. Er kam in die Psychiatrie, wurde nach Japan abgeschoben, wo ihn die Künstler ausfindig machten.

7. Die documenta 15 wird sich wieder neu erfinden. Was die Entscheidung für Athen für künftige Ausstellungen zu bedeuten hat, ist noch nicht ausgemacht. Abgerechnet wird, vor allem in finanzieller Hinsicht, zum Schluss. Dann muss auch inhaltlich Bilanz gezogen werden. Danach beginnt alles von vorn, wirklich bei Null. Darin liegt das Besondere der Institution documenta. Und jedes Mal eine große Chance.

50 Schauplätze in Athen:

Vom Friedhof bis zum Club, vom antiken Monument bis zum öffentlichen Raum, in Kinos, Museen und Bibliotheken – an etwa 50 Standorten wird in Athen während der kommenden 100 Tage Kunst der documenta 14 zu sehen sein. Auf dem zentralen Syntagma-Platz, der aufgrund von Demonstrationen oft in den deutschen Nachrichten zu sehen ist, wird der Künstler Ibrahim Mahams eine Intervention mit Jutesäcken vornehmen.

Hintergrund: Das Programm an den Eröffnungstagen

Auch wenn die documenta inzwischen das Programm der Auftaktwoche in Athen bekannt gegeben hat: Bei vielen Tanz- und Musikperformances, Workshops, Filmen und Gesprächen lässt sich nur rätseln, was genau zu sehen sein wird – etwa bei der Performance „European Everything“ des Norwegers Joar Nango. 160 Künstler werden an der documenta 14 teilnehmen, die dann am 10. Juni in Kassel beginnt. 

Die Argentinierin Marta Minujín, die vor dem Fridericianum den „Parthenon der Bücher“ errichten wird, plant die Aktion „Payment of Greek Debt to Germany with Olives and Art“, übersetzt etwa „Bezahlung griechischer Schulden an Deutschland mit Oliven und Kunst“. Die Französin Marie Cool und der Italiener Fabio Balducci laden im Nationalen Museum für zeitgenössische Kunst zu einer dauerhaften Installation mit täglichen Aktionen ein - und zwar „sobald die Sonne in die Galerieräume scheint“. Gemeinsames Essen gibt es bei der Veranstaltung „Food for Thought“ („Stoff zum Nachdenken“) vor dem Rathaus.

Von der Eröffnung der documenta in Athen berichten wir auch auf Kassel Live.

Pressestimmen zur documeta:

Für den „Spiegel“ ist Kassel zurzeit gegenüber Athen nur der „Sidekick“. Nach dem Krieg, schreibt das Magazin, sollte das Land wieder an Kultur gewöhnt werden, 1955 habe es die Notwendigkeit gegeben, moderne Kunst zu zeigen. Heute scheine dem documenta-Team „das Deutsche eine Metapher für das Bekannte, Bequeme, Festgefahrene zu sein“. Adam Szymczyk ziele nicht nur documenta-typisch auf den Verstand, „sondern ziemlich oft auf das Bauchgefühl der Menschen, ihre Empathie. (...) Kunst als neue Spiritualität, als Weg zur Erlösung. Diese Documenta verfolgt einen mehr als ganzheitlichen Ansatz. Weniger machtbesessen ist sie nicht.“

„Am liebsten, so scheint es, will Szymczyk den Event-Teil der Großausstellung einfach überspringen, den Kommerz abschütteln, direkt dahin vordringen, wo er die künstlerische Erfahrung vermutet. Ob das klappt?“, fragt „Monopol“-Chefredakteurin Elke Buhr. Aber auch eine widerständige documenta werde die Menschen anziehen, weil sie Erfahrungen ermögliche, „die anderswo in dieser Dichte nicht zu haben sind“. In einer Reportage heißt es, Szymczyks documenta wolle kein Luxusevent sein – „Athen ist die zentrale Metapher dafür“. Er wolle das Format der Großausstellung aufbrechen, aber vor allem fordere er Solidarität, indem er die documenta aus ihrer Komfortzone herausnehme und an den bröckelnden Rand Europas bringe. Die politische Aktion werde Teil der Ausstellung. Das Programm klinge so revolutionär wie das von Harald Szeemanns documenta 5 – „die ja ebenfalls mit nicht unerheblichem Chaos zu kämpfen hatte, bevor sie in die Geschichtsbücher eingehen konnte. Szymczyk überfordert die Institution, die Kunst und sich selbst, und zwar bewusst. Es ist ein Experiment mit unklarem Ausgang.“

Für die „Welt“ ist es bereits gescheitert. Gesine Borcherdt beklagt, Szymczyks documenta verkörpere genau das, „was sie verurteilt, wenn sie von Kolonialismus spricht“. „Wie lange wird sich die Kunstwelt noch von Kuratoren traktieren lassen, die in größtmöglicher Abstraktion einen Sound des Widerstands zelebrieren und sich dabei vor allem selber feiern?“ Die documenta sei als Zeichen von Demokratie und Dialog gegründet worden. „Beides haben wir von Athen gelernt.“ Doch diese documenta verhalte sich so, „als ginge sie das alles nichts an.“

Die Ausstellungsorte in Kassel:

Baufortschritt auf Königs- und auf Friedrichsplatz:

Zur documenta: Baufortschritt auf Königs- und auf Friedrichsplatz

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