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Analyse: Die documenta droht in politische Nebenabsichten zu geraten

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Von: Tibor Pezsa

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Hier herrschte noch Harmonie: Hessens Kunstministerin Angela Dorn (links) und documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann während der Pressekonferenz zur documenta fifteen. Morgen geht es im Kulturausschuss des Bundestages für beide auch um die Deutungshoheit im Zuge des Antisemitismus-Eklats.
Hier herrschte noch Harmonie: Hessens Kunstministerin Angela Dorn (links) und documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann während der Pressekonferenz zur documenta fifteen. Morgen geht es im Kulturausschuss des Bundestages für beide auch um die Deutungshoheit im Zuge des Antisemitismus-Eklats. © Andreas Fischer/NH

Wenn der Kulturausschuss des Bundestages an diesem Mittwoch über die documenta fifteen spricht, dann dürfte das von vielen Beobachtern vor allem als nächste Runde im Ringen um die Deutungshoheit über die documenta verstanden werden – und damit auch über deren Zukunft.

Für die Bundesregierung nimmt Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) an dem öffentlichen Fachgespräch teil. Eingeladen sind außerdem die Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Angela Dorn (Grüne), documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann und Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden.

Besonders Schormann, die auf Anfrage unserer Zeitung sagte, dass sie derzeit generell keine öffentliche Stellungnahme mehr abgebe, steht unter Druck. Sie führt die Geschäfte der Weltkunstausstellung, muss dafür sorgen, dass die Künstlerische Leitung um das indonesische Künstlerkollektiv Ruangrupa gut arbeiten kann, ohne dass die Freiheit der Kunst verletzt wird, aber eben auch nicht die Grenze des Strafrechts. Die Ablehnung von Antisemitismus in jeder Form durch die documenta ist sowieso unverhandelbar.

Dass das indonesische Künstlerkollektiv Taring Padi dann trotz aller Warnungen auf einem schnell wieder abgehängten Wimmelbild eine eindeutig antisemitische Karikatur zeigen konnte, war skandalös. Ob das Bild strafwürdig ist, ist damit nicht gesagt. Die Staatsanwaltschaft in Kassel prüft das, bei ihr sind deswegen Anzeigen eingegangen.

Was viele documenta-Besucher aber zunehmend verärgert: Zweieinhalb Wochen nach Ausstellungseröffnung scheint es zumindest in öffentlichen Debatten noch immer nur um Antisemitismus zu gehen. Das verstellt möglicherweise auch geschäftsschädigend die Tatsache, dass die documenta an ihren 32 Standorten mit etwa 1000 Kunstwerken und etwa 1500 internationalen Künstlern insgesamt eine außerordentlich sehens- und empfehlenswerte Ausstellung ist.

Aber auch Angela Dorn, die das Land Hessen als Gesellschafter im documenta-Aufsichtsrat als stellvertretende Vorsitzende vertritt, gerät zunehmend unter Druck. Spätestens, als sie in der Woche nach der documenta-Eröffnung dem Vorstoß ihrer Parteifreundin Claudia Roth beipflichtete, wonach der Bund mehr Einfluss auf die documenta bekommen solle, zweifelten Beobachter, ob Roth und Dorn auf dem Rücken der documenta nicht politische Nebenabsichten verfolgten. Im Herbst nächsten Jahres wird in Hessen ein neuer Landtag gewählt, im März in Kassel ein neuer Oberbürgermeister und die Kasseler Grünen haben kürzlich die Rathaus-Koalition mit der SPD platzen lassen.

Roth, wegen ihrer Nähe zum israelfeindlichen Boykott-Bündnis BDS mit Rücktrittsforderungen konfrontiert, hatte behauptet, „dass die vor allem lokale Verantwortlichkeit der documenta in einem Missverhältnis zu deren Bedeutung … steht“ und mit der Forderung nach mehr Bundeseinfluss erfolgreich ein neues Thema eröffnet. Der Protest dreier ehemaliger Kasseler Oberbürgermeister (alles SPD) sowie des amtierenden Oberbürgermeisters und Vorsitzenden des documenta-Aufsichtsrats, Christian Geselle (SPD), kam umgehend.

Eine „Zange Berlin-Wiesbaden, die versucht, Kassel unter Druck zu setzen“, so die Ex-Oberbürgermeister, könne nicht im Interesse des Landes liegen. Auf den durch Roth von Strukturreformen bei der documenta abhängig gemachten Bundeszuschuss könne man notfalls verzichten.

Dorn ging eigene Wege: Nach Informationen unserer Zeitung unabgesprochen mit dem Aufsichtsrat schickte sie am Samstag, 25. Juni, einen in drängendem Ton gehaltenen Fragenkatalog rund um den Antisemitismus-Eklat an Schormann.

Darin heißt es: „Wie sehen Ihre Planungen für eine zeitnah zu etablierende beratende Task Force aus, die die Staatsministerin Dorn Ihnen bereits im Vorfeld der Eröffnung der documenta empfohlen hatte? Welche Gespräche sind hierzu mit welchen Experten z.B. mit dem zu diesem Vorschlag von ihr vermittelten Demokratiezentrum Marburg geführt worden? Zu welchem Ergebnis sind Sie hinsichtlich des Vorschlags gekommen?“

Bei dem Hessischen Demokratiezentrum in Marburg arbeitet der Ehemann Angela Dorns, Timm Rancke, als einer von drei wissenschaftlichen Mitarbeitern. Auf Anfrage weist die Ministerin mögliche Interessenkonflikte zurück. Das Demokratiezentrum berate unentgeltlich Vereine, Institutionen, wenn es beispielsweise zu rassistischen oder antisemitischen Vorkommnissen kommt. Das sei auch der Grund gewesen, weswegen die Ministerin es der documenta-Leitung bereits im Juni als Partner für eine mögliche Beratung empfohlen habe.

Eine von ihr vorgeschlagene Task Force, so Dorn, hätte aus Experten unterschiedlicher Perspektiven zum Thema Antisemitismus, Kunst und Postkolonialismus zusammengesetzt sein sollen. Die documenta gGmbH hätte so für eine mögliche Krisensituation vorbereitet sein können. Dorn: „Die Idee einer Task Force war also als Struktur angedacht, die der documenta gGmbH helfen sollte, auf mögliche Krisen zu reagieren. Sie ist zu unterscheiden von der Beratung bei der Überprüfung der Kunstwerke.“

Der Leiter des Demokratiezentrums, Reiner Becker, bestätigt dies auf Anfrage. Für eine Prüfung von documenta-Kunstwerken habe das Demokratiezentrum gar nicht die nötige Expertise. Zu dem von Dorn empfohlenen Gespräch mit der documenta-Leitung sei es bis heute nicht gekommen.

Musste es auch nicht. Auf welche Weise Schormann die Geschäfte der documenta führt, fällt in ihre Zuständigkeit, nicht in die der Ministerin. Schormann hatte bereits im Frühjahr den allseits – auch von Dorn – anerkannten Direktor der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, um Mithilfe gebeten.

Nach Bekanntwerden der antisemitischen Motive auf dem Kunstwerk von Taring Padi fragte Schormann den israelisch-deutschen Pädagogen, ob er die documenta-Leitung und die künstlerische Leitung bei der Bewertung weiterer Kunstwerke unterstützen könne. Mendel sagte zu.

Auf Nachfrage unserer Zeitung schreibt er: „Bisher handelt es sich um eine mündliche Absprache. Mein Engagement für die documenta verstehe ich als Teil meiner Funktion als Direktor der Bildungsstätte Anne Frank.“

Nach Informationen unserer Zeitung hat Schormann zusätzlich renommierte Anwaltskanzleien mit der Prüfung des Taring-Padi-Wimmelbildes beauftragt. Mehr am Mittwoch ab 14.15 Uhr.

Die Sitzung des Kulturausschusses im Bundestag wird im Internet unter bundestag.de live übertragen. Laut Bundestag wird Öffentlichkeit ausschließlich über die Liveübertragung hergestellt.

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