Mein Lieblingskunstwerk: Tacita Deans raumgreifende Zeichnungen im ehemaligen Finanzamt

Die andere Seite Afghanistans

Spektakulär: Die Kreidezeichnungen von Tacita Dean im Treppenaufgang zeigen Bergwelt und Flüsse Afghanistans. Foto: Fischer

Mein Kind kann das auch? Ein Ort auf dieser documenta, wo diese beliebte Abwehr-Floskel gegen zeitgenössische Kunst widerlegt wird, ist das frühere Finanzamt an der Spohrstraße 7 (linke Grafik, Punkt 25). Was die in Berlin lebende Britin Tacita Dean hier vollbracht hat, zeigt imponierende zeichnerische Könnerschaft. Hier bleibt einem die Spucke weg.

Die 1965 in Canterbury geborene Künstlerin korrigiert neben Vorurteilen gegen Gegenwartskunst auch eine weitere gängige Sichtweise. Sie stellt unser Bild von Afghanistan infrage. Das Land am Hindukusch, das ist für uns oft der von Drogenproduktion und Taliban-Terror geprägte Staat, in dem sämtliche internationale Hilfe verpufft; ein Land, aus dem stets neue Attentate gemeldet werden, in dem Bundeswehr-Soldaten in trostlosen Camps ausharren.

Tacita Dean zeigt dieses Afghanistan als Land von atemberaubender Schönheit. Ihre wunderbaren Kreidezeichnungen auf Schiefertafeln zeigen eine grandiose, einsame Bergwelt und den durch Schneeschmelze angeschwollenen, wilden Kabul-Fluss. Eine Sturzflut in Afghanistan? Das passt nun überhaupt nicht in die Vorstellung eines stickigen, heißen Wüstenstaates.

Als Filmkünstlerin macht Dean, die 1992 ihr Studium an der Slade School of Fine Art in London beendete, mit 16- und 35 mm-Material seit Jahren Furore. Sie war für den Turner-Preis und den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst in Berlin nominiert, nahm zweimal an der Venedig-Biennale teil und bespielte voriges Jahr mit einer gigantischen Filmprojektion die riesige Turbinenhalle in der Tate Gallery in London (so wie vor ihr Ai Weiwei und zurzeit Tino Sehgal).

Ursprünglich hatte Dean auch über Afghanistan einen Film drehen wollen. Oder besser: drehen lassen. Das Material, das der beauftragte Kameramann in Kabul aufnahm, war jedoch beschädigt. Eine Inspiration für ihre virtuose Arbeit auf den zwei Stockwerken des Treppenhauses fand sie in den Filmfetzen dennoch. Aus der Nähe erkennt man dort, wie fein Dean mit Verwischungen arbeitet, wie sie Konturen auflöst, aus der Ferne sieht man jeweils das spektakuläre Gesamtbild, das auch dem Treppenaufgang seine frühere Pracht zurückgibt.

Dass documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev solche Räume entdeckt und bespielt hat, gehört zu den faszinierendsten Facetten dieser documenta. Gleichzeitig ist Tacita Dean wichtige Kronzeugin für ihr documenta-Motto „Zusammenbruch und Wiederaufbau“. Auch am d13-Standort Kabul stellte sie aus: Antiquarische Postkarten des Vorkriegs-Kassel, die sie mit Details heutiger Ansichten derselben Orte übermalt hat: Beispiele für den Wiederaufbau, wie ge- oder missglückt dieser sein mag. Eine Karte wird in der Rotunde des Fridericianums gezeigt. 50 von ihnen hat sie zu einem schönen Künstlerbuch zusammengestellt, das für 14,80 Euro im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen ist.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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