Angriff auf die Orangerie

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Maria Loboda: Dieses Werk ist einem Imperator gewidmet

Kassel. Dass ein Wald marschieren kann, daran wollte schon der schottische König Macbeth in Shakespeares gleichnamigem Drama nicht glauben, bis er eines besseren belehrt wurde, doch dann war es zu spät.

An das Werk des britischen Dramatikers muss man unwillkürlich denken, wenn man in diesen Wochen den Aufmarsch eines "Waldes" von 20 Zypressen auf der Karlswiese beobachtet. Es handelt sich um den documenta-Beitrag von Maria Loboda.

Die Vermutung, dass es sich um einen Angriff der Zypressen auf die Orangerie handelt, wird durch zwei Fakten erhärtet: Das Werk trägt den Titel "Diese Arbeit ist einem Imperator (Kaiser) gewidmet" (Original: This work is dedicated to an emperor).  Zweitens ist es die Art und Weise, wie die Zypressen jedes Wochenende neu formiert und offensichtlich einem "Schlachtplan" folgend, weiter auf die Orangerie vorrücken.

Bildergalerie: Die Zypressen marschieren

documenta 13: Maria Lobodas Zypressen

Zur Eröffnung der documenta standen sie noch Spalier in der Allee zwischen Küchen- und Hirschgraben, bestens getarnt im Schatten höherer Bäume. Dann rückten sie auf die Karlswiese vor, wo sie sich, gedeckt durch Song Dongs "Do nothing garden" schließlich zweiteilten. Jetzt. so der aktuelle Stand, marschieren sie in zwei harmlos wirkenden, weit voneinander Abstand nehmenden Zehnergruppen auf eine neue Deckung zu: Die beiden von dichtem Buschwerk umgebenen Gärten vor dem Marmorbad (linke Formation) und Küchenpavillon (rechte Formation). 

Klingt etwas verrückt, ist aber so. Macbeth, wie gesagt, wollte an so etwas ja auch nicht glauben.

Nomaden

Maria Loboda, 1979 in Krakau geboren, die an der Städelschule in Frankfurt studierte und in diesen Jahr an weiteren großen Ausstellungen in New York, London, Paris, Madrid und Danzig teilnimmt, nennt ihr Werk harmlos "eine nomadisierende Skulptur" (a nomadic sculpture). Auch dies könnte Taktik sein. Die Aufstellung und der Aufmarsch der Bäume folgen eindeutig militärischen Regeln, wie sie zu Zeiten des römischen Reiches von Kriegstheoretikern entworfen wurden. 

Nomaden wandern auch tagsüber, der "Umzug" der Zypressen erfolgt im Dunkel der Nacht. Wann, das durften die mit den Gartenanlagen der d13 beschäftigten documenta-Mitarbeiter nicht verraten. Vermutlich geschieht der Umzug immer in der Nacht von Freitag auf Samstag. Am vergangenen Wochenende allerdings steckten am Samstagmorgen nur ein paar Holzpfähle in genau der Aufstellung in der Karlswiese, in der dann am Sonntag die Zypressen standen. Da hatte der geradezu in Kübeln vom Himmel fallende Regen in der Nacht die Pläne der Strategen durchkreuzt. Manchmal muss sich auch die (Kriegs-)Kunst höheren Gewalten unterordnen.

Am Schluss-Wochenende der documenta (14./15. und 16. September) werden die Zypressen trotzdem vor der Orangerie stehen und danach vermutlich von der Galerie der Künstlerin (Krone Gallery Berlin) verkauft.

Und mal ganz abgesehen von jeglicher Theorie. Das Kunstwerk mit den 20 Toskana-Zypressen passt auch ohne weitläufige Erklärungen/Vermutungen hervorragend in die barocke Architektur der Anlage rund um die Orangerie. (wd)

Quelle: mydocumenta

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