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Nach Antisemitismus-Vorwürfen: documenta-Forum meldet sich mit Appell

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Mitglieder von Ruangrupa und des Artistic Teams der documenta fifteen
Künstlerische Leitung vor dem Ruruhaus: Mitglieder von Ruangrupa und des Artistic Teams der documenta fifteen, links außen Lara Khaldi, der Sympathien für die BDS-Bewegung zum Vorwurf gemacht werden. ©  documenta/Nicolas Wefers

Die Diskussion um Antisemitismusvorwürfe gegen die documenta zieht weitere Kreise. Kulturstaatsministerin Claudia Roth will nun Kontakt mit den Trägern aufnehmen. 

Kassel – Roth (Grüne) wollte am Montag (17.01.2022) mit den Trägern der documenta, dem Land Hessen und der Stadt Kassel, zusammenkommen und über die notwendige Überprüfung der Vorwürfe beraten“. Allerdings ist auch eine Corona-Infektion der 66-Jährigen bekannt geworden.

Die CDU in der Stadtverordnetenversammlung hat den Entwurf einer Resolution an die Fraktionen gesendet – ausgenommen die AfD. Diese Resolution distanziert sich „von jeglichen antisemitischen Umtrieben, die möglicherweise im Umfeld der Organisation der documenta 15 Raum greifen“. Die Organisatoren der documenta 15 sollten Stellung dazu nehmen, ob der Vorwurf zutrifft, dass Unterstützer der BDS-Bewegung und Boykottbefürworter gegen Israel, namentlich der Gruppe The Question of Funding, bei der documenta ausstellen und agieren. „Falls das der Fall ist, verwahrt sich die Stadtverordnetenversammlung ausdrücklich und nachdrücklich gegen antisemitische Tendenzen im Rahmen des Programms der documenta 15“, so der Entwurf.

Nach Antisemitismus-Vorwürfen gegen documenta: Gestaltungsfreiheit darf nicht eingeengt werden

Die Pressestelle der Ausstellung hatte erklärt: „Die documenta fifteen unterstützt in keiner Weise Antisemitismus.“ Zwei Ruangrupa-Mitglieder, Iswanto Hartono und Reza Afisina, waren am Sonntag bei der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf unter dem Titel „Wie können wir Ökonomie(n) neu denken?“ zu Gast. Dem Bericht von Deutschlandradio Kultur zufolge haben sie sich nicht zur aktuellen Diskussion geäußert – stattdessen ging es darum, dass das „soziale Ökosystem“ in Kassel eine große Rolle in der Ausstellung spielen solle, die Kuratoren stellten Lumbung-Werte wie Großzügigkeit, Humor und lokale Verankerung vor.

„Keinesfalls darf die künstlerische Leitung in ihrer Gestaltungsfreiheit eingeengt oder unter Druck gesetzt werden.“ Das würde das erfolgreiche Konzept der Unabhängigkeit der Kuratoren und damit die documenta „nachhaltig beschädigen“. Mit diesem Appell hat sich das documenta-Forum zu Wort gemeldet. Der Vorsitzende Jörg Sperling erinnert daran, dass der politisch-gesellschaftliche Anspruch einer Perspektiverweiterung schon bei früheren documenta-Ausstellungen heftig kritisiert wurde. Diese Offenheit fuße auf dem „Fundament unseres Grundgesetzes“, zu dem die Freiheit von Wissenschaft und Kunst zähle. Der Freundeskreis der documenta hofft auf einen Diskurs, der internationale Konflikte, Kontroversen und Entwicklungen in den Blick nimmt: „Nicht die eurozentrierte Weltsicht, sondern die internationale Weitsicht aller Positionen, Haltungen, Kulturen und Religionen wird die Weltkunstausstellung auch in der Zukunft prägen.“

Nach Antisemitismus-Vorwürfen gegen documenta: Solidarität mit dem Kuratoren-Team

Ihre volle Solidarität mit dem Kuratoren-Team hat die Kreisvereinigung Kassel der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) ausgedrückt. „Auf der Basis wilder Spekulationen und unzureichend recherchierter Thesen werden die Macher einer Weltausstellung zeitgenössischer Kunst, die den Ruf Kassels in die Welt trägt, denunziert“, heißt es in der von Ulrich Schneider unterzeichneten Erklärung. Die Vorwürfe seien unverantwortlich. Es zeige sich einmal mehr, wie schwer sich die Kasseler „Kunstwelt“ mit der Verschiebung der eurozentrierten Perspektive der documenta tut. Sei schon die Ausweitung der d14 nach Athen mit teils unterirdischer Kritik missbilligt worden, versuche man diesmal die Kuratoren mit der „Antisemitismus-Keule“ gefügig zu machen.

Die d15 habe eine klare antirassistische Ausrichtung. Eines der Ziele dieser documenta sei eine breite Einbindung gesellschaftlicher Kräfte zur Förderung der Anerkennung von Diversität. Damit werde die Ausstellung „zur Weiterentwicklung der Stadtgesellschaft beitragen“.

Die Vorwürfe: Khalil al Sakakini Cultural Center und BDS-Bewegung

Das Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus wirft dem Kuratorenkollektiv Ruangrupa die Einladung an die Gruppe The Question of Funding vor, das seine Wurzeln im Khalil al Sakakini Cultural Center (KSCC) in Ramallah hat. Der Namensgeber (1878-1953), ein arabisch-christlicher Pädagoge, sei Anhänger des Nationalsozialismus gewesen und habe Terroranschläge auf Zionisten befürwortet.

Vertreter von The Question of Funding, aber auch Mitglieder der Findungskommission, Künstler und Ruangrupa-Mitglied Ade Darmawan befürworteten die Kampagne „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“ (BDS). Diese Initiative will den Staat Israel wirtschaftlich und kulturell isolieren. Der Bundestag hat die BDS-Bewegung 2019 als antisemitisch bewertet. Im ersten Teil der documenta-Online-Gesprächsreihe „Lumbung Konteks“ im Dezember hat sich die Gruppe Question of Funding vorgestellt. Ihr Vertreter Yazan Khalili beschrieb als Ziel eine autarke Nutzung palästinensischen Landes, um nicht auf israelische Waren angewiesen zu sein.

(Mark-Christian von Busse)

Zuletzt hatte sich auch Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle zu den Vorwürfen geäußert. „Alle Menschen haben das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Würde, Freiheit und Frieden“, so Geselle.

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