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Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta: „Kein Grund, so ein Kollektiv auszuschließen“

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Von: Mark-Christian von Busse

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Ade Darmawan von Ruangrupa (links) und Oberbürgermeister Christian Geselle bei einer Pressekonferenz im Sommer 2021
Zugeschaltet: Ade Darmawan von Ruangrupa (links) und Oberbürgermeister Christian Geselle bei einer Pressekonferenz im Sommer 2021 im Fridericianum. © Andreas Fischer

Die Meinungen zu den Antisemitismus-Vorwürfen gegen die documenta fifteen bei Kritikern und Journalisten gehen auseinander.

Kassel – Gibt es unter den Beteiligten der documenta fifteen glühende Feinde Israels, wie es das Bündnis gegen Antisemitismus (BGA) in Kassel behauptet? Kunstkritiker und Kulturjournalisten sind uneins. Die Diskussion um Antisemitismusvorwürfe gegen die documenta in Kassel zieht bereits weitere Kreise.

Die Chefredakteurin des Magazins „Monopol“, Elke Buhr, hält die Debatte für „sehr bedrückend“, weil für „medial aufgeblasen“, wie sie im Deutschlandradio sagte. Sobald der Begriff BDS (für Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen) falle, gerieten alle ins gleiche Fahrwasser. Das mache einen Dialog unmöglich. BDS sei ein Schlagwort, um Menschen zu diskreditieren. Es sei ein Kurzschluss zu glauben, dass jeder, der sich nicht gegen BDS ausspreche, automatisch antisemitisch sei. Nicht zuletzt hätten gegen die Resolution des Bundestags, die BDS verurteilt, auch viele jüdische Kulturschaffende protestiert. Wenn alle Künstler aus arabischen oder islamischen Ländern ausgeschlossen würden, die eine kritische Haltung dem Staat Israel gegenüber haben, „dann kann man solche Ausstellungen nicht machen“.

Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta: Meinungen gehen auseinander

In einer ersten Bewertung der Vorwürfe, die sie als „primitive Polemik“ betrachtet, hatte Buhr geschrieben: „Es macht keinen Sinn, dieses Ausstellungsprojekt in die Niederungen der hiesigen BDS-Debatte hineinzuziehen, die längst den Charakter eines Kulturkampfes gegen die ,identitäre Linke’ angenommen hat. Es gilt für jedes internationale Ausstellungsprojekt: Sobald man Künstlerinnen und Künstler mit Verbindungen zur arabischen Welt oder zum globalen Süden einlädt, wird man auf Menschen treffen, die eine andere Haltung zum BDS haben, als es die offiziellen Leitlinien bundesdeutscher Politik vorsehen.“

„Lassen sich menschenrechtliche Standards so leicht außer Kraft setzen?“, fragt wiederum Andreas Fanizadeh, Ressortleiter Kultur bei der „tageszeitung“ in Berlin. „Oder müsste es nicht vielmehr heißen, so manche Kunstfunktionäre laden gern ein, wer den eigenen stereotypen Vorstellungen einer Kritik an ,dem’ Kapitalismus und Israel entspricht.“ Fanizadeh sieht bei dem palästinensischen Kunstaktivisten Yazan Khalili „eindimensional ausgerichtete Propaganda gegen Israel“.

Unter der Überschrift „Hetzkunst“ hatte Stefan Trinks in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung scharf kommentiert. Äußerungen des Filmemachers Yazan Khalili besäßen „etwas von Goebbelsscher Dialektik“: „Im Versuch einer Ausweitung der Kampfzone scheint hier tatsächlich die Aufforderung Willy Brandts, mehr Demokratie zu wagen, in ein perverses ,mehr Antisemitismus wagen’ umgemünzt.“ Carsten Probst, Kunstkritiker für den Deutschlandfunk, sah im BGA-Blogbeitrag viel Geschwurbel und schwammige, allgemeine Vorwürfe. Im Hinblick auf The Question of Funding forderte er aber schnelle und gründliche Aufklärung: „Offen israelfeindliche Positionen kann sich die documenta als Kunstausstellung in Deutschland natürlich nicht erlauben.“ Wenn sich die Künstler für die Unabhängigkeit Palästinas oder seiner Kulturschaffenden einsetzten, sei das noch kein expliziter Antisemitismus: „Das wäre dann kein Grund, so ein Kollektiv auszuschließen.“

Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta: Das sagen Journalisten und Kritiker

Auch Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, wird im Deutschlandfunk zitiert. Klaren Antisemitismus würde er Question of Funding „auf keinen Fall“ vorwerfen. Palästinensern müsse erlaubt sein, ihren Protest gegen die israelische Besatzung auch durch Boykott auszudrücken: „Diese Forderung würde ich nicht per se als antisemitisch sehen.“

Im BGA-Blogbeitrag werde „erstaunlich wenig argumentiert, viel polemisiert und teilweise arg bemüht gewitzelt“, so der Kölner Stadt-Anzeiger. Es gebe vage Belege, aber „vor allem Geraune“.

Auch die „Bild“-Zeitung kam am Thema nicht vorbei, sie ließ unter anderem Historiker Michael Wolfssohn zu Wort kommen: „Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut. Das heißt aber nicht: Freiheit zur Hetze. Hetze, die Menschenleben gefährdet!“ Die „Bild“ schreibt mehrmals von „Messe“ – was die documenta nun wirklich nicht ist: „Konsequenzen aus den Vorwürfen oder auch nur eine klare Stellungnahme dazu gibt es seitens der Messeleitung aber nicht.“ Was so auch nicht stimmt – die „Bild“ hat das documenta-Statement nicht vollständig zitiert. (Mark-Christian von Busse)

Zuletzt hatte sich auch Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle zu den Vorwürfen geäußert. „Alle Menschen haben das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Würde, Freiheit und Frieden“, so Geselle.

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