Athen als Ausstellungsort spaltet Kassel

Darf die Politik Einfluss auf die documenta nehmen? Ein Pro und Kontra

Horst Seidenfaden (58), Chefredakteur

Kassel. Mit dem Konzept „Von Athen lernen“, das für Diskussionen sorgt, ist Adam Szymczyk zum künstlerischen Leiter der documenta 14 berufen worden. Athen als zweiter documenta-Standort hat unter HNA-Lesern hohe Wellen geschlagen. Darf die Politik Einfluss auf das documenta-Konzept nehmen?

Ein Pro von HNA-Chefredakteur Horst Seidenfaden:

Kunst, das ist unstrittig, soll sich frei von politischen Einflüssen entfalten können. Hier geht es aktuell aber nicht um die Freiheit der Kunst, sondern auch um eine Marke, die untrennbar mit Kassel verbunden sein sollte, wie die Biennale mit Venedig oder die Filmfestspiele mit Cannes.

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Wenn sich die Marke documenta, nach der sich die Stadt Kassel sogar benennt, umorientiert, wenn sie droht, nicht mehr mit dem Ursprungsort, der sie groß gemacht hat, verbunden zu sein, dann geht es nicht mehr um die Freiheit eines kuratorischen Konzepts. Dann geht es um Dinge wie sinnvoller Umgang mit Steuergeldern, wirtschaftliche Auswirkungen auf eine gesamte Region, es geht um rationale, fantasiefreie Betrachtungen. Das muss ein künstlerischer Leiter nicht im Blick haben. Aber wenn ein Konzept das nicht berücksichtigt, mehr Gefahr als Chance ist, dann darf man es eben auch nicht auswählen.

Politik hat sich im Falle documenta nicht nur dem Votum des Kuratoriums und dem Kurator bedingungslos unterworfen, Politik scheint die Auswirkungen dieses überflüssig riskanten Experiments nicht begriffen zu haben. Wozu, fragt man sich, braucht man bei all der Untätigkeit einen Aufsichtsrat?

E-Mail an den Autor: hos@hna.de

Ein Kontra vom Leiter der HNA-Kulturredaktion Werner Fritsch:

Der Leiter der documenta 12, Roger M. Buergel, brachte die Entscheidungsfreiheit eines documenta-Leiters einmal so auf den Punkt: Im Extremfall hätte er das Recht, bei der documenta nur ein einziges Bild zu zeigen. Ein solches Szenario ist natürlich absurd. Aber es verdeutlicht, dass dem documenta-Leiter bei künstlerischen

Entscheidungen niemand, aber auch niemand dreinreden darf.

Tatsächlich gehört es zur Erfolgsgeschichte der documenta als Weltkunstausstellung, dass die künstlerische Leitung frei von äußeren Beeinflussungen ihr künstlerisches Konzept entwickeln kann. Das macht ihre Integrität und damit ihre Glaubwürdigkeit, keinen fremden Interessen zu dienen, aus. Wer jetzt fordert, man dürfe Adam Szymczyk mit seinen Ausweitungsplänen in Richtung Athen nicht gewähren lassen, oder den Aufsichtsgremien vorwirft, die Pläne nicht gestoppt zu haben, beschädigt die Institution documenta.

Nur eine documenta, die allein künstlerischen Zielen dient, wird indirekt jene positiven Wirkungen entfalten können, die alle erhoffen: Hunderttausende Besucher herzulocken und das Image der Stadt zu prägen. Der jetzt ausgebrochene Parteienstreit lässt ahnen, welchen Schaden politische Einflussnahme anrichten würde.

E-Mail an den Autor: fgh@hna.de

Quelle: mydocumenta

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