Die documenta verstehen: Joseph Beuys und sein Denken sind auf der d13 allgegenwärtig

Ein Aufruf zur Alternative

Versteckt in der grünen Karlsaue: Pierre Huyghe hat zu seiner „Bienenfrau“ auch einen Beuys-Baum gelegt. Foto: Malmus

Kassel. Wenn die Kasseler Künstlerin Nora von der Decken auf der documenta 13 unterwegs ist, fühlt sie sich oft an Joseph Beuys’ legendäre Honigpumpe erinnert. Das Schlauchsystem war 1977 im Fridericianum einer der zentralen documenta-Beiträge: Sinnbild für Verwandlung, Austausch und Dialog. 100 Tage lang debattierte der Gründer einer Freien Internationalen Universität mit Besuchern. Den gleichen „Grundton der Menschlichkeit“ erkennt von der Decken auf dieser documenta.

Auch dass die künstlerische Leiterin der d13, Carolyn Christov-Bakargiev, die Occupy-Camper auf dem Friedrichsplatz willkommen hieß, steht im Zeichen des fünffachen documenta-Teilnehmers in Folge. Die doccupy-Bewegung scheine ihr im Geiste von Beuys zu stehen, der die documenta stark geprägt habe, formulierte die Kuratorin. Sie bringe eine „andere Idee der kollektiven Entscheidungsbildung und politischen Verantwortung durch direkte Demokratie zum Ausdruck“.

Tatsächlich meint man auf der d13, sich auf Schritt und Tritt auf Beuys-Spuren zu bewegen. Manchmal unübersehbar: Giuseppe Penones Baum aus Bronze, der einen Fels in der Krone trägt und neben dem eine Stechpalme ihren Platz gefunden hat, erinnert ausdrücklich an die 7000 Eichen, deren Pflanzung Beuys ab 1982, jeweils ergänzt durch eine Basaltstele, initiierte. Weniger offensichtlich liegt auf dem versteckten Areal in der Aue, das Pierre Huyghe gestaltet hat, ein Beuys-Baum. Mark Dion hat im Ottoneum die Kästchen der Schildbach’schen Holzbibliothek um eine Beuys-Eiche ergänzt.

Die grüne documenta 2012 mit Schmetterlingsgarten und Mangoldfähre, Zypressen und Apfelbäumchen - sie wäre im Sinne des Bildhauers und Aktionskünstlers gewesen, der 1979/80 für die damals ganz neu gegründeten Grünen bei Wahlen kandidierte.

„Jeder Mensch ist ein Künstler“, in dieser Formel hat Beuys seine Vorstellungen gebündelt. Es sind auch dieser Gedanke der Beteiligung, der Partizipation, sowie der Glaube an die schöpferische Kraft des Einzelnen und die gesellschaftsverändernde Kraft von Kunst, in denen Beuys’sches Denken auf der d13 sichtbar wird. Ob bei den Rezensionen der Kunst von jedermann durch die Chicagoer Kritikerin Lori Waxman oder in der Hütte des Critical Art Ensembles am Kulturbahnhof, wo jeder nach Voranmeldung Vorträge zu frei gewählten Themen halten kann („Winning Hearts and Minds“).

Die Herzen gewinnen, einen neuen Geist der Gesellschaft verwirklichen. Auch das wollte Beuys. „Aufruf zur Alternative“ heißt einer seiner berühmten Texte. Die d13 will handfest Alternativen aufzeigen, zum Beispiel durch den „nichtkapitalistischen“ Kräuterteegarten am Ottoneum, städtische Nachbarschaftsgärten und mit dem BioKiosk auf der Karlswiese der Künstlergruppe And And And.

„Kunst = Kapital“, hat Beuys formuliert. Er hoffte auf eine Entzauberung des Geldes: dass sich die „Geldtauschwirtschaft“ so verwandeln lässt, dass „nur die menschliche Fähigkeit das Kapital ist“. Auf der d13 suchen Julieta Aranda/ Anton Vidokle mit einer „Time/Bank“ nach Alternativwährungen, die Zeit und Arbeit zur Grundlage haben. Claire Pentecoast, die im Ottoneum Kompost zu (Gold-) Barren gepresst hat, verwendet auf ihren Alternativ-Geldscheinen ein Bild von Joseph Beuys.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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