Außerirdische Kunst: documenta 13 und Portikus in Frankfurt zeigen einen Meteoriten

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Älter als die Erde: Der in zwei Hälfte zerschnitte Meteorit im Portikus in Frankfurt ist vermutlich das erste extraterrestrische Kunstwerk.

Frankfurt. Die Globalisierung ist nicht genug, scherzte Daniel Birnbaum, Leiter des Portikus in Frankfurt. Wohl zum ersten Mal zeigt eine Ausstellung außerirdische Kunst.

In dem Gebäude auf einer Maininsel ist der Meteorit „El Taco“ zu sehen. Die Ausstellung der Künstler Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg ist ein Gemeinschaftsprojekt mit der documenta 13.

Carolyn Christov-Bakargiev, deren künstlerische Leiterin, spricht von „einer Etappe ihrer Reise zur dOCUMENTA (13), wo im Jahr 2012 eine weitere Phase des Projekts A Guide to Campo del Cielo stattfinden wird“, und von einem „Vorspiel“ zur Ausstellungstätigkeit in Kassel.

Auf dem Campo del Cielo, Feld des Himmels, einer Gegend in Nordargentinien, ging vor 4000 Jahren ein Meteoritenschauer nieder. Schon die Ureinwohner erkannten den kosmischen Ursprung des Gesteins, das sie als Geschenk des Himmels ansahen. Von den spanischen Eroberern wurden die Meteoriten während der Kolonisation entdeckt und ausgebeutet.

Erst 1962 jedoch fand ein Bauer beim Pflügen „El Taco“. Rekonstruiert wird seine Geschichte (siehe Hintergrund) in einem Künstlerbuch, das die documenta herausgegeben hat - die erste einer Reihe Publikationen in den nächsten Jahren, für das Faivovich und Goldberg umfangreiches Archivmaterial zusammengetragen haben.

Die Arbeit der Künstler habe „eine endlose, labyrinthische Struktur“, sagt der britische Künstler Simon Starling darin über das „Netz von Assoziationen und Verknüpfungen“. Ein Thema: Wie Nationen mit kulturellem und Naturerbe umgehen - in den Archiven in Buenos Aires etwa ist zu „El Taco“ fast nichts erhalten.

Erdkilometer

Eine schöne Verbindung schaffen die Künstler selbst, indem sie auf ihren Turnschuhen beim Besuch des „El-Taco“-Fundorts die Initialen „WdM“ trugen - für Walter de Maria. Er ließ 1977 bei der documenta seinen Erdkilometer in den Kasseler Boden rammen. „El Taco“ gebe Auskunft darüber, wie es im Erdinneren aussehen könnte, sagt Tim McCoy, der eigens aus Washington nach Frankfurt geflogene Kurator der Meteoritenabteilung des Smithsonian Instituts.

Beschäftigen sich seit 2006 mit dem Meteoriten „El Taco“: Nicolás Goldberg (links) und Guillermo Faivovich.

Dem Wissenschaftler gefällt, dass im Portikus nur der Meteorit zu sehen ist - sonst nichts. Im Museum in Washington mit seiner Fülle gehe man achtlos an solchem Gestein vorbei. Hier könne man sich Zeit nehmen, über den Ursprung des Lebens nachzusinnen. „Ich möchte, dass der Mensch über seinen Platz im Universum nachdenkt“, diesen Satz von de Maria zitiert Nicolás Goldberg im Buch.

Im Vorwort - ein Gespräch von Birnbaum, Leiter der Venedig-Biennale 2009, mit Christov-Bakargiev - nennt die 52-Jährige die Zusammenführung der Meteoritenteile eine „freudvolle Aufgabe, die die Möglichkeit der Wiedervereinigung feiert“. Dass El Taco wieder geteilt werde, zeige, „dass die Kunst das Leben übertrumpfen kann.“

Guillermo Faivovich, Nicolás Goldberg: The Campo del Cielo Meteorites Vol. 1 El Taco. Hatje Cantz Verlag, 184 Seiten, 39,80 Euro. Bis 14.11., Portikus, Alte Brücke 2 (Maininsel) in Frankfurt, Tel. 069/96244540, www.portikus.de

Von Marc-Christian von Busse

Zu den Personen:

Als Kind hat Guillermo Faivovich, der 1977 in Buenos Aires geboren wurde, das Planetarium in der argentinischen Hauptstadt, vor dem der argentinische Teil des Meteoriten „El Taco“ platziert ist, oft besucht. Irgendwann begann er zu fragen, wo eigentlich die zweite Hälfte verblieben ist. Daraus entwickelte sich die Recherche, die er gemeinsam mit seinem Künstlerkollegen Nicolás Goldberg unternommen hat und aus der sich die Ausstellung und das Buch entwickelten.

Faivovich war Stipendiat der Universität Buenos Aires und studierte an der Städelschule in Frankfurt. Goldberg wurde 1978 in Paris geboren und wuchs in New York und Buenos Aires auf. Ab 2000 absolvierte er ein zweijähriges Fotografie-Studium in New York. Für seine erste Monografie 2004 begleitete er drei Monate den Ex-Präsidenten Carlos Menem. Ihr „El-Taco“-Projekt wurde von verschiedenen argentinischen Institutionen gefördert, beide waren auch „artists in residence“ des Frankfurter Kunstvereins. (vbs)

Zum Meteoriten

„El Taco“ ist ein 1998 Kilogramm schweres Bruchstück einer 800-Tonnen-Eisenmasse aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Asteroiden sind Überreste der Entstehungsphase unseres Sonnensystems vor 4,5 Milliarden Jahren, Meteoriten sind Gesteine, die nach ihrem Flug durch die Atmosphäre mit der Erde kollidieren.

Geborgen wurde „El Taco“ in den Zeiten des Kalten Kriegs, als an Weltraumforschung großes Interesse bestand, von einer argentinisch-US-amerikanischen Expedition, und zerschnitten und poliert 1965/66 im Max-Planck-Institut in Mainz, das über die notwendige Präzisionstechnologie verfügte.

Dort wurde jeder Schritt fein säuberlich notiert. Anschließend ging eine Hälfte an das Planetarium in Buenos Aires, wo sie im Freien Witterungseinflüssen ausgesetzt war, die andere Hälfte wird im Depot im Smithsonian Institute in Washington verwahrt - deshalb sehen beide Teile ganz unterschiedlich aus. 276 Kilo Eisenspäne von „El Taco“ werden im Senckenberg-Museum in Frankfurt aufbewahrt.

Quelle: mydocumenta

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