Mein Lieblingskunstwerk: Die baktrischen Prinzessinnen im Fridericianum

Kassel. Im „Brain“, in der Rotunde im Fridericianum hat Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev Fundstücke versammelt, über die es nachzudenken gilt.

Etwa darüber, ob der kleine Frauenakt in Flohmarkt-Qualität eine neue Bedeutung erhält, weil er aus Hitlers Wohnung stammt. Oder darüber, dass Sam Durant aus Marmor einen Sack Marmormehl nachbildete, darauf hinweisend, dass der schöne Stein immer häufiger zermahlen statt zu Skulpturen verarbeitet wird.

Und dort, zwischen Fotos, Skizzen und Postkarten, residieren sie in ihrer Glasvitrine: steinerne Statuetten, weniger als 20 Zentimeter hoch. Mehr als 3000 Jahre alt sind die Prinzessinnen aus Baktrien, dem untergegangenen Königreich zwischen Afghanistan, Turkmenistan und Usbekistan. Ursprünglich waren sie zu neunt: acht weibliche Gestalten und eine männliche Figur, doch fünf von ihren wollte der Leihgeber vor dem Documenta-Ende zurück. Die Schönheiten mussten abreisen.

Ob sie Königstöchter waren oder Abbildungen von Göttinnen weiß man bis heute nicht. Etwa 80 der in Gräbern gefundenen Figuren haben sich bis heute erhalten, gehütet in Museen und privaten Schatzkammern. Sie sind alle verschieden – vielleicht wurden sie wirklich als Portraits von Edeldamen geschaffen, die nicht ohne ein Abbild vergehen wollten. Sie sind ein diffiziles Mosaik aus Speck- und Kalkstein oder Chlorit. Kopf, Haartracht und Körper sind lose zusammengefügt. Ihre Kleidung mag aus schweren Wollstoffen bestanden haben, deren Muster Felle oder Federn nachbildete. In Baktrien, dem Land, das durch Handel reich geworden war, hatte auch die Kunst geblüht. In Gräbern in Nordafghanistan wurden Schätze aus Gold und Edelsteinen gefunden. Wegen des Afghanistan-Krieges galten sie als verloren, doch sie blieben erhalten.

Still vor sich hinschauend, versunken in Kontemplation, vereinen die baktrischen Prinzessinnen Widersprüche in sich: Sie sind archaisch und wirken gleichzeitig modern. Ihre Formen sind aufs Wesentliche reduziert und gleichzeitig detailliert ausgearbeitet. Sie sind klein und bieten trotzdem viel Raum für Individualität. Sie wirken zerbrechlich, aber die Zeit hat ihre scheinbare Fragilität widerlegt. Sie werden noch in sich ruhen, wenn viele andere Kunstwerke der documenta längst vergangen sind. Ist es Ironie, dass sie sich den Raum mit Relikten aus einem Reich teilen, das 1000 Jahre währen sollte? Die Prinzessinnen scheinen darüber zu lächeln. Sie haben viele Reiche überdauert.

Von Barbara Will

Quelle: mydocumenta

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