Interview: Kurator Adam Szymczyk über das Arbeiten in Athen und den Gurlitt-Nachlass

„Bescheidene Position des Lernens“ - Pläne für die documenta 14

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Nachdenklich und engagiert: Adam Szymczyk – hier aufgenommen bei einem Gespräch mit der HNA-Redaktion.

Adam Szymczyk ist der Kurator der documenta 14 im Jahr 2017. Die documenta-Leiter haben mit über dreieinhalb Jahren so viel Zeit wie kaum ein anderer Ausstellungsmacher. Szymczyk zeigt einen Teil der documenta 14 in der griechischen Hauptstadt und nennt sie „Von Athen lernen“.

Wie geht es Ihrem Team in Athen gerade - in der Krise? 

Adam Szymczyk: Als Teile des Teams Anfang 2015 nicht nur nach Kassel, sondern auch nach Athen zogen, haben wir keine Ankunft der Krise erlebt, wir sind mitten hineingestiegen. Die Arbeitssituation ist recht normal. Aber wir erleben eine Gesellschaft, die am Abgrund steht. Wir wissen natürlich noch nicht, am Abgrund wovon.

Woran arbeiten Sie dort? 

Szymczyk: Alle Mitglieder des Teams sind teils in Kassel, teils in Athen. Alle reisen momentan sehr viel. Wir arbeiten zum Beispiel an der ersten Ausgabe des Magazins der documenta 14, die diesen Herbst erscheinen wird. In dem spiegeln sich die Themen, so, wie sie im kuratorischen Prozess formuliert werden.

Wo arbeiten Sie? 

Szymczyk: In einem Büro in einem Wohnhaus aus den 1930ern, ein belebtes, angenehmes Quartier in der City.

Spüren Sie noch Unmut aus Kassel über die Entscheidung, einen Teil der Ausstellung in Griechenland zu zeigen? 

Szymczyk: Viele Reaktionen scheinen mir im Affekt geschehen, vielleicht ganz gesund. Man war überrascht, aber auch irritiert und verärgert. Aber vor allem stelle ich eine Großzügigkeit in der Gesellschaft fest, auf die ich mich lieber konzentriere als auf das Negative.

Wir feiern das Jubiläum 60 Jahre documenta - welcher der Ausstellungen fühlen Sie sich besonders nah?

Szymczyk: Ich lese die documenta-Ausstellungen als Symptome des jeweiligen Zustands der Welt. Als mal kritische, mal zustimmende Reaktionen auf die Gegenwart, die die jeweilige Ausstellung umgibt. Ich fühle mich den documenta-Editionen nah, die ich gesehen habe, den letzten vier, und da vor allem jenen, die einen klaren politischen Standpunkt vertreten haben, das sind 10 und 11.

Warum? 

Szymczyk: Mir scheint, d12 besonders, aber auch d13 legten den Schwerpunkt eher auf die Frage, wie man sich Kunst und Politik mithilfe ästhetischer Mittel nähern kann.

Was sind aus Ihrer Perspektive wichtige Stationen der documenta in 60 Jahren? 

Szymczyk: Die erste documenta war eine Übung in perfektem Ausstellungs-Design. Ein modernistischer Rahmen, um Avantgarde-Kunst zu zeigen. Dieser Fokus auf die Meister der Avantgarde wurde in den darauffolgenden Schauen fortgesetzt. 1968 bot die documenta eine Angriffsfläche für die Forderung von Künstlern, die Ausstellung müsse sich in Form und Inhalt ändern, mehr partizipativen Charakter bekommen. Harald Szeemann hat das perfekt aufgegriffen - und 1972 das Bild des Kurators revolutioniert: Er nahm die Rolle eines Autors der Ausstellung ein, der mit den Künstlern gemeinsam arbeitet - eine Position, die nicht unumstritten war. Vom „Museum der hundert Tage“ ging er über zu hundert Tagen Aktion und Festival.

Was waren aus Ihrer Sicht weitere große Zäsuren? 

Szymczyk: Catherine David war im Clinch mit vielen Menschen - und hat auch durch diese Konflikte ihre Ausstellung entwickelt. Sie hat eine wichtige Veränderung erreicht, indem sie den Eurozentrismus aufgebrochen hat. Enwezor hat das um die Forderung erweitert, gegenüber der Globalisierung nicht blind sein zu dürfen. Und dass wir jene nicht nur hinsichtlich des Kapitals, sondern auch mit Blick auf kulturellen Austausch betrachten sollten. Ich möchte, ohne dass das unbescheiden klingen soll, hier anknüpfen.

Wie formulieren Sie Ihre Haltung? 

Szymczyk: Wir müssen uns klarmachen, dass unsere Gesellschaft keinen Aussichtspunkt bietet, von dem aus wir den globalen Zustand beobachten können. Wir müssen eine bescheidene Position des Lernens einnehmen. Vor allem: Von jenen lernen, die von den Medien und der Politik üblicherweise belehrt werden.

Also setzen Sie den Weg der d13 nicht fort, die den Anspruch hatte, die Welt mit Mitteln der Kunst umfassend zu erklären? 

Szymczyk: Unser Weg ist ein Prozess: Wir haben die Entscheidung für Athen getroffen. Das ist unumkehrbar. Und das allein wird Veränderungen bewirken - in Denkmustern, aber auch konkret im Leben von Menschen. Ich hoffe, die Unschuld, auch Naivität dieses Weges kann ein Mittel sein, um die Politik und die Krise auf neue Weise zu betrachten. Wir bieten einen neuen Zugang an. Inwieweit der dann jenseits der Kunst aufgegriffen und genutzt wird, ist die nächste Frage. Der Ursprung meiner Entscheidung, nach Athen zu gehen, war politisch und hatte damit zu tun, dass mir jedwedes Szenario, das ich mir für eine Ausstellung vorstellen konnte, unzureichend vorkam. Der nächste Schritt ist, mit den Künstlern Projekte an beiden Orten zu entwickeln - in Kontexten, die verschiedener kaum sein könnten.

Wie arbeiten Sie konkret? 

Szymczyk: Ich bin Teamplayer mit autoritären Tendenzen. Ich habe mehrere Kuratoren und Berater engagiert. Jeder einzelne von ihnen recherchiert, dann tragen wir alles zusammen und schauen, welchen Weg wir weitergehen, welches Thema, welche noch wenig beachtete Landschaft wir beleuchten wollen. Ich hoffe, Ende dieses Sommers haben wir die Umrisse fertig skizziert. Dann werden wir darangehen, es wahrzumachen.

Szymczyk über ein zentrales Vorhaben

Adam Szymczyk will den Nachlass des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt auf der documenta zeigen:

"Der Nachlass ist deshalb so wichtig, weil die Zeitspanne, in der Hildebrand Gurlitt diese Arbeiten angehäuft hat, genau jenen zeitlichen Raum zwischen der Entartete Kunst-Ausstellung 1938 und der ersten documenta 1955 ausfüllt. Und dieser blinde Fleck muss untersucht werden. Außerdem ermöglicht uns die Einsicht in die Geschichte der Familie Gurlitt, wichtige kulturelle und politische Grundsatzfragen des 19. und 20. Jahrhunderts in Deutschland aufzuzeigen. Diese Kunst zu zeigen wäre kein netter Zusatz sondern integraler Bestandteil der Ausstellung. Das Gurlitt-Erbe in speziell entwickelten Ausstellungsdisplays zu zeigen, würde es uns ermöglichen, Kunst als Spielfigur der Politik und Objekt ökonomischer Interessen darzustellen. Wir könnten das Problem der Restitutionen öffentlich machen, eine zentrale Frage für viele Museen weltweit. Wir könnten die Debatte aktivieren oder die Debatte sein."

Zur Person

Adam Szymczyk (44, verheiratet, ein Sohn) wurde in Piotrkòw Trybunalski in Zentralpolen geboren und wuchs in Lódz auf. Er studierte Kunstgeschichte in Warschau. Berufliche Stationen: Foksal Gallery Foundation und Zentrum für zeitgenössische Kunst, Warschau, De Appel Kunst-Center Amsterdam, ab 2003 Direktor der Kunsthalle Basel. Kuratorenprojekte in Wien, Göteborg, Mexiko-Stadt, Berlin. November 2013: Berufung als Leiter der documenta 14.

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