Zu Besuch bei documenta-Chefin Christov-Bakargiev

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Nicht ohne mein Handy: Carolyn Christov-Bakargiev - hier in ihrer Kasseler Wohnung an der Schönen Aussicht - kommuniziert per Smartphone mit der ganzen Welt.  

Kassel. Sie hat eine Abneigung gegen einfache Definitionen und simple Erklärungen. Mit ein paar Zeilen Wikipedia-Wissen die Welt erklären? Sie schüttelt sich. Für Carolyn Christov-Bakargiev ist das eine grauenvolle Vorstellung.

Die documenta-13-Leiterin liebt das Geschichten-Erzählen („Story-telling“), das Abschweifen und Widersprüchliche. Ausufernde Gedankengänge sind bei ihr erwünscht. „Der Besucher einer Kunstausstellung, der behauptet, er habe alles verstanden, macht mir Angst“, sagt sie.

Zu Gast bei Carolyn, wie sie ihre Mitarbeiter unkompliziert nennen: Es dauert nicht lange, nur kurze Zeit nach der Begrüßung - einen anderen Besucher hat sie soeben verabschiedet - und schon ist sie mittendrin im weitverzweigten Geäst ihrer Gedanken, Theorien und Ideen. Und natürlich bei ihrem Lieblingsthema, der Kunst. Ihre Begeisterung und ihr mediterranes Temperament (Mutter Italienerin, Vater Bulgare) sind mitreißend. Kommunikation ist ihr Element.

„In welcher Sprache wollen wir reden?“, fragt die gebürtige US-Amerikanerin. Englisch, Französisch, Italienisch? Zur Eröffnung der documenta am 9. Juni 2012 will sie die Gäste auf Deutsch begrüßen. Sie mache täglich Fortschritte, sagt sie.

An diesem goldgelben Herbstnachmittag mit Carolyn Christov-Bakargiev scheinen helle Sonnenstrahlen durch die hohen Fenster ihrer Wohnung im prächtigsten Wohnhaus an der Schönen Aussicht. Sie sei glücklich mit ihre Kasseler Adresse, sagt sie. So wohne sie in direkter Nachbarschaft zur Karlsaue, wo ein Schwerpunkt der documenta 13 liegen wird. Und wo bereits das erste Kunstwerk steht: der bronzene Baum von Giuseppe Penone, praktisch einen Steinwurf von ihrer Haustür entfernt. „Ich muss nur die Treppen hinuntergehen, schon bin ich da“, sagt sie. Es ist ein Kunstwerk, in dem sie, eine bewusste Ökologin, auch eine Hommage an Joseph Beuys sieht, den documenta-Künstler, der die Stadt mit seinen 7000 Eichen so nachhaltig geprägt hat.

Mehr zur documenta im Regiowiki auf http://zu.hna.de/diedocumenta

Entspannt und lässig sitzt Carolyn Christov-Bakargiev (53) auf ihrem weißen Sofa in ihrer mit italienischen Stilmöbeln eingerichteten Wohnung. Sie selbst ist in ihren Farben Schwarz und Rot gekleidet: modisch, Halskette und große Ohrringe, Pumps, die Lockenmähne ungebändigt.„Haben Sie Hunger, Durst?“, fragt die intellektuelle Frau freundlich zugewandt. Ihr Blackberry-Smartphone lässt sie dabei nicht aus den Augen. Im Zwei-Minuten-Takt laufen klingelnd Mails und Kurznachrichten ein. „Ich glaube, das wird die erste Blackberry-documenta“, sagt sie und lacht.

Nur einmal unterbricht sie das Gespräch und nimmt einen Anruf entgegen. „Entschuldigung, das ist wichtig.“ Sie überlegt laut: „Wie viel Uhr haben wir in New York?“ Dann verschwindet sie in die Küche, kommt mit einer Kanne mit grünem Tee und einem Teller mit aufgeschnittenem Vollkornbrot und Käse zurück.

Permanent reden, reisen, denken, kommunizieren - wie regeneriert die documenta-Chefin ihre scheinbar kaum versiegende Energie? Die Arbeit strenge sie nicht an, sagt sie. „Und ich habe einen guten Schlaf.“

Zudem könne sie sich auf ihre Mitarbeiter verlassen. Mit denen arbeite sie sehr „organisch“ zusammen. „Ich delegiere nicht.“ Über ihre Assistentin, die Australierin Melissa Ratliff, beispielsweise sagt sie: „Melissa ist die andere Hälfte meines Gehirns.“

Und dann sei da ja auch noch die italienische Familie als Kraftquelle. Oft besuche sie Ehemann Cesare Pietroiusti, „ein großartiger Künstler“, mit der 15-jährigen Tochter Rosa in Kassel. Die 25-jährige Tochter Lucia lebt in London. Hin und wieder fahre sie auch nach Hause, wo sich die Familie in ihrem Landhaus bei Rom versammelt. Dort würden Wein angebaut und Olivenöl gepresst, „wunderbar duftendes Olivenöl“, sagt sie begeistert. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

Von Christina Hein

Quelle: mydocumenta

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