SPD-Abgeordnete: "Chance wird nicht genutzt"

Kritik nach Besucherschwund: Während documenta werde nicht für Museen geworben 

Kassel. Kunstminister Rhein (CDU) zeigt sich mit der Entwickung der Besucherzahlen in den Kasseler Museen unzufrieden. SPD-Landtagsabgeordnete kritisieren, dass Land und Museumslandschaft die Chancen durch die documenta 14 nicht nutzen. 

Neue Leitung und neue Attraktivität gesucht: Offensichtlich steht das Land bei der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) zunehmend unter Handlungsdruck. Gerade hat Kunstminister Boris Rhein (CDU) eine Findungskommission angekündigt, um die Nachfolge des 2018 in Ruhestand gehenden MHK-Direktors Prof. Bernd Küster zu regeln. 

Boris Rhein

Nun räumt der Minister ein, dass die Resonanz auf die Landesmuseen in Kassel zu wünschen übrig lasse. „Die Entwicklung der Besucherzahlen ist auch aus Sicht der Landesregierung unbefriedigend“, erklärt Rhein auf Anfrage der Kasseler SPD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Decker und Uwe Frankenberger. Den größten Schwund musste Schloss Wilhelmshöhe hinnehmen. Dort schrumpfte die Besucherzahl um ein gutes Drittel – von 64.176 (2015) auf 42.240 (2016). Mehrfach erklärtes Ziel des Landes ist es, Kassel mit seiner Museumslandschaft national und international (noch) bekannter zu machen. Nach Einschätzung des Ministers müssten dazu die MHK-Standorte – darunter Bergpark Wilhelmshöhe, Museum Schloss Wilhelmshöhe, Löwenburg, Park Karlsaue, Landesmuseum und Neue Galerie – unter einem Dach vermarktet werden. Um höhere und konstantere Besucherzahlen zu erreichen, solle die Öffentlichkeitsarbeit ausgeweitet und überarbeitet werden, so Rhein. Die MHK entwickle Angebote stetig weiter. Konzeptionelle Änderungen kündigt der Minister auch für die Neue Galerie an. Das 2016 wieder geöffnete Landesmuseum solle durch Werbeaktionen (etwa Plakate) bekannter gemacht werden. „Nicht mehr als Worthülsen und Absichtserklärungen“, kritisieren die beiden Kasseler SPD-Abgeordneten die Ausführungen des Ministers. Landesregierung und MHK ließen ein Konzept zur Attraktivierung der Landesmuseen in Kassel vermissen. 

Die documenta 14 lockt derzeit tausende Gäste aus dem In- und Ausland nach Kassel. Landesregierung und Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) nutzten aber das große Besucherinteresse zur Weltkunstausstellung nicht dazu, bei der Gelegenheit die Bekanntheit der Landesmuseen in Kassel zu verbessen, kritisieren Wolfgang Decker und Uwe Frankenberger.

„Die documenta 14 wäre ein optimaler Zeitpunkt gewesen, zumindest mit dem angekündigten überarbeiten Konzept der Öffentlichkeitsarbeit zu starten und Werbung für unsere Landesmuseen zu machen. Aber auch diese Chance lässt die MHK verstreichen“, beklagen die beiden Kasseler Sozialdemokraten.

Fünfmonatige Wartezeit

Wolfgang Decker

Sauer und enttäuscht zeigen sich Decker und Frankenberger von den Antworten, die Kunstminister Boris Rhein (CDU) auf ihre Anfrage im Landtag gegeben hat. Schon im Februar hatten Decker und Frankenberger einen HNA-Bericht über die meist rückläufigen Besucherzahlen in den Landesmuseen (siehe weitere Artikel) zum Anlass genommen, bei der schwarz-grünen Landesregierung nachzuhaken. Nach fast fünf monatiger Wartezeit liege nun endlich die Antwort vor, berichteten die SPD-Landtagsabgeordneten. Darin verweise der Minister aber lediglich auf vergangene Sonderausstellungen und bestehende Überlegungen, ohne endlich konkret zu werden. Auch die angekündigte Ausweitung und konzeptionelle Überarbeitung der MHK-Öffentlichkeitsarbeit überzeugten nicht, so Decker und Frankenberger. Rückgänge der Besucherzahlen wurden auch in der Neuen Galerie und am Herkules gegenüber dem Vorjahr festgestellt.

Grimmwelt und Stadtmuseum legten kräftig zu

Die Grimmwelt und das wiedereröffnete Stadtmuseum waren 2016 die Publikumsmagneten unter den Kasseler Museen. Seit der Eröffnung im Juni 2016 wurden im Stadtmuseum bis zum Jahresende 26 500 Besucher gezählt. In den Jahren vor der Sanierung waren es im Durchschnitt rund 15 000 Menschen.

Über nach wie vor großen Zuspruch erfreut sich die 2015 eröffnete Grimmwelt auf dem Weinberg. Sie zählte 2016 insgesamt 115 000 Besucher. Der Zielwert liegt bei rund 80 000 pro Jahr.

Absoluter Spitzenreiter

Mit 750.000 geschätzten Gästen im vergangenen Jahr ist der Bergpark Wilhelmshöhe weiter Kassels größte Tourismusattraktion. Die Gäste im Weltkulturerbe zahlen aber auch bei den Wasserspielen keinen Eintritt. Die Zahl ist also sehr vage.

Neue Galerie: Rückläufiges Interesse

Neue Galerie Museum in Kassel

Nach dem Umbau der Neuen Galerie 2011 war das Interesse groß, ist aber seitdem rückläufig. 18 000 Gäste kamen im Jahr 2016. In den Vorjahren waren es jeweils über 20 000 gewesen. Im ersten halben Jahr nach der Eröffnung waren es sogar 30 000.

Das Schloss hat er überflügelt

51 000 Menschen haben den Herkules im vergangenen Jahr erklommen. 2015 waren es noch einige mehr, nämlich rund 53 000. Dennoch hat der Herkules in Sachen Besucherzahen inzwischen das Schloss Wilhelmshöhe überflügelt.

Landesmuseum: Erst seit Ende 2016 wieder geöffnet

Das Hessische Landesmuseum in Kassel.

Das Landesmuseum ist nach Millionen Euro schwerem Umbau erst seit November 2016 wieder geöffnet. Der Zuspruch war groß: Schon in den wenigen Wochen bis zum Jahreswechsel kamen rund 8000 Gäste in das Landesmuseum.

5000 Gäste hinzugewonnen

Im Astronomisch-Physikalischen Kabinett in der Orangerie sind die Gästezahlen konstant hoch geblieben. 2016 waren es nach Angaben der MHK rund 35 000 Besucher. Das waren 5000 mehr als im Vorjahr 2015.

Rubriklistenbild: © Schachtschneider

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