Lori Waxman hat während der documenta über 200 Hobby- und Profikünstler rezensiert

Blaue Hütte für Begegnung

Zieht eine positive Bilanz: Kunstkritikerin Lori Waxman hat während der documenta in ihrer Hütte vor Publikum rezensiert. Während sie tippt, erscheint der Text auf dem Bildschirm hinter ihr. An der Wand hängen die fertigen Texte, die die Künstler auch geschickt bekommen. Foto:  Malmus

Kassel. Lori Waxman misst die Zeit gerade am Leben ihrer Tochter. Und wenn man erst zweieinhalb Jahre alt ist, sind 100 Tage schon eine kleine Ewigkeit. Seit dem Beginn der documenta lebt die Chicagoer Kunstkritikerin in Kassel und rezensiert Werke von jedem, der sich ihrem Urteil stellen will. Während der kleinen Kinderewigkeit fanden 226 Profikünstler und Hobbymaler den Weg in ihre blaue Hütte an der Schönen Aussicht (rechte Grafik, Punkt 2). Am Sonntag sollen es genau 240 sein.

„Es war eine großartige Erfahrung“, sagt Lori Waxman, als sie nach einer Bilanz ihres Projektes „60 wrd/min art critic“ (Kunstkritik mit 60 Wörtern pro Minute) gefragt wird. Viel mehr ist ihr in dieser Hinsicht aber nicht zu entlocken. Die gebürtige Kanadierin ist eine Kritikerin, die simple Urteile scheut.

Auch in ihren Texten, die sie in beeindruckendem Tempo vor den Künstlern und Zuschauern produziert, versteckt sich die Wertung oft zwischen den Zeilen. „Ich mache keine Filmbewertung mit eins bis fünf Sternen“, betont die 36-Jährige. „Ich finde, das ist eine entsetzliche Art, Kunst zu behandeln.“

Während ihrer Zeit in Kassel hat sie nur ungefähr ein halbes Dutzend Urteile verteilt, die sie als negativ empfand. „Wenn ich etwas aufschreibe, wird es Fakt“, sagt sie. „Und ich muss mir schon unglaublich sicher sein, um in 30 Minuten solche negativen Fakten zu schaffen.“

Für Lori Waxman überwiegen offensichtlich die berührenden Begegnungen in ihrer Kritiker-Hütte. „Absolut unglaublich“, sagt sie über Dietmar Hensch, einen über 80-jährigen Hobbymaler aus Kassel, der seine Aquarellbilder vom Regen verwischen lässt. Auch die intensiven Farbmuster von Timo Lotz haben sich eingeprägt. Der Kasseler, der unter Autismus leidet, war mit seinen Eltern und seinem Kunstlehrer zu ihr gekommen.

Insgesamt schätzen Lori Waxman und ihre Assistentin Sophia Trollmann, dass um die 80 Prozent der Künstler aus der Umgebung kamen. „Es ist eine unabsichtliche Studie über regionale Kunst“, sagt Waxman, die auch schon in New York und in winzigen Städtchen in Tennessee rezensiert hat. „Kassel zeichnet aus, dass hier Kunst-Machen als normal gilt.“

Die Kritik der „Süddeutschen Zeitung“, kein documenta-Künstler habe sich ihrem Urteil stellen wollen, findet die Kunsthistorikerin sichtlich ärgerlich. „Das Projekt war nicht dafür gedacht“, sagt sie. „Es wird doch sowieso immer über dieselben Künstler geschrieben.“ Trotzdem hat sich ein großer Name unter ihre Besucher gemischt. Yan Lei wollte ihr Urteil zu seinen übersprühten Bildern in der documenta-Halle hören. „Ich fand es interessant“, sagt sie. „Aber es war nicht bedeutender als die anderen Texte.“

Zwischen Kritikerschichten und Spielplatz-Exkursionen mit ihrer Tochter blieb Waxman nur wenig Zeit für den Rest der documenta. Deshalb steht bis zu ihrem Rückflug am Montag noch ein straffes Kunstprogramm an. „Es ist überwältigend“, sagt sie, und meint das offenbar positiv. „Es ist so, wie die Welt ist. Niemand erwartet, dass man alles sehen muss.“

Von Saskia Trebing

Quelle: mydocumenta

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