Henrich Anger bohrte ihn

Blick auf die documenta 6: So entstand der Erdkilometer 

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Tag und Nacht: Der Bohrturm war 24 Stunden täglich im Einsatz.

Kassel/Hess. Lichtenau. Eine der Attraktionen der documenta 6 vor 40 Jahren war der vertikale Erdkilometer von Walter de Maria. Heinrich Anger hat ihn gebohrt.

„Wenn die merken, was das kostet, lassen die das schnell sein.“ Dr. Heinrich Anger war sich sicher, dass sich die Anfrage von der documenta schnell erledigen würde.

Der damalige Chef der in Hirschhagen ansässigen Bohrfirma „H. Anger's Söhne“ hatte 1976 die Aufforderung erhalten, ein Angebot für das Bohren eines „Vertikalen Erdkilometers“ abzugeben. Der bekannte Land-Art-Künstler Walter de Maria hatte den Machern der Kunstschau das Projekt vorgeschlagen, und es war von den Gremien angenommen worden.

„Man wusste in Kassel, dass wir gut tiefe Löcher gerade bohren können“, noch immer ist der einstige Geschäftsführer vom damaligen Können und Know-how überzeugt.

Den Künstler Walter de Maria hat Heinrich Anger nie selbst getroffen. „Er soll die Menschen dazu anregen, über die Erde und ihren Ort im Universum nachzudenken“, so hatte de Maria den Sinn des Projekts „Erdkilometer“ beschrieben.

Große Kunst: Dr. Heinrich Anger und seine Leute bohrten bei der documenta 1976 den vertikalen Erdkilometer. 

Während man in der Öffentlichkeit laut und heftig um das von Sponsoren finanzierte Projekt stritt – immerhin wurde der geliebte Rasen vor dem Fridericianum zerstört –, war für die Bohrfirma der Lärmschutz zu beachten. Denn eine solche Baustelle muss Tag und Nacht arbeiten.

Auch das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie wurde auf das Projekt aufmerksam. Zwar sind die geologischen Begebenheiten wissenschaftlich bekannt und auch nicht sonderlich spannend. Da aber nun die Möglichkeit einer genauen Sondierung bestand, sollte diese auch genutzt werden. Im Treppenhaus des Naturkundemuseums kann man als Ergebnis nun die Abfolge der Erdschichten sehen.

Schmunzelnd erzählt Heinrich Anger, dass seine Mitarbeiter das Bohrgut aus 1000 Metern in Fläschchen füllten und durch den Zaun verkauften – was er ihnen habe untersagen müssen. Die Idee nahmen dann Waldorfschüler auf, die die Behälter für einen guten Zweck verkauften.

Der zwei Zoll starke massive Messingstab aus ein Meter langen Stücken, die miteinander verschraubt sind, wurde in das Bohrloch versenkt, das Ganze dann mit Beton vergossen. Heute erinnern nur noch ein rundes Messingstück und eine im Boden eingelassene Platte an der Südseite des Parthenons an das von Aufwand und Ausmaß größte documenta-Projekt. Als 1996 die Tiefgarage unter dem Friedrichsplatz gebaut wurde, war Anger, weil mit dem Projekt vertraut, nochmals am Rande mit dem Erdkilometer befasst. Denn es mussten umfangreiche Untersuchungen vorgenommen werden.

Der Kilometerstab wurde damals in die Betonkonstruktionen integriert. „Wir hätten ja gerne noch mehr solcher Löcher gebohrt“, sagt Anger lachend. Den Markt für solche Kunst gab es aber schließlich doch nicht mehr.

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