Ein Boot, Ai Weiwei und Afghanistan: Bernd Leifeld über viermal documenta

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Und dann kam der große Regen: Bernd Leifeld (Mitte) zu Beginn der documenta 12 im Jahr 2007 mit dem künstlerischen Leiter Roger M. Buergel und dessen Partnerin Ruth Noack.

Seit 1. Januar 1996 war Bernd Leifeld Geschäftsführer der documenta. Am Freitag tritt der 64-Jährige ab. Wir haben ihn im Interview gebeten, spontan zu sagen, was ihm zu den vier documenta-Ausstellungen, die er mit verantwortet hat, in den Sinn kommt.

Welches Stichwort fällt Ihnen als erstes ein zu 1997?

Bernd Leifeld: 100 Tage - 100 Gäste. Das hat den Grundgestus der documenta X ausgedrückt. Ich musste Catherine David in Kassel ja immer verteidigen, die angeblich eine arrogante Theoretikerin war. Diese Reihe hat dem Besucher den Horizont geöffnet, den Bereich der Kunst-Ausstellung überschritten, Perspektiven aufgezeigt. Die Geste war auch, etwas mit und für Kassel zu machen. Da sind während der Ausstellung auch die Kasseler umgeschwenkt. Es gab ein Stammpublikum, das wusste, da ist jeden Abend etwas zu gewinnen: an Erfahrungen, Wissen, Eindrücken. Und wir haben die Veranstaltung jeden Abend live ins Internet gestellt. Es war in aller Welt zu sehen, später auch als video on demand. Das war technologisch natürlich echte Avantgarde, damals gab’s ja noch nicht mal das Wort Flat-rate.

Und 2002, die Documenta11 von Okwui Enwezor? 

Leifeld: Die Plattformen, also mehrere internationale Konferenzen. Es gab natürlich diejenigen, die sagten: Aber die documenta findet doch in Kassel statt. Mit diesen Einwänden war ich heftig befasst und habe erläutert, dass diese inhaltliche Vorbereitung die beste Werbung für den späteren Besuch in Kassel ist. Ich bin dann gar nicht mitgeflogen auf die westindischen Inseln, damit niemand sagen konnte, ich mache Urlaub dort. Atmosphärisch eine wunderbare Erinnerung ist das Boot namens Forelle, das die gutgelaunten Besucher auf der Fulda von der Orangerie durch die Schleuse zur Binding-Brauerei neben dem Kasseler Hafen transportierte.

Die documenta 12 von Roger Buergel und Ruth Noack 2007? 

Leifeld: Der documenta-Beirat. Wieder der Ansatz, mit den Bürgern zu arbeiten. In der Ausstellung selbst hatte das leider nicht so einen Stellenwert. Auch die Einbeziehung des Schlosses ist gar nicht so sehr gewürdigt worden, obwohl es dazu beigetragen hat, Kassels Image bei den internationalen Besuchern sehr zu verbessern. Die Suche nach Räumlichkeiten spielte damals - wie immer - eine große Rolle. Buergel wollte keine Industriebrache nutzen, sondern etwas Neues. Das war schon eine schwierige Situation, weil wir nicht ausreichend Geld hatten für den Pavillon-Bau, aber damit beginnen mussten. Aber der Aufsichtsrat hat uns in Kenntnis des Risikos sehr unterstützt, und ein Freundeskreis von privaten Unterstützern hat finanziell geholfen.

Und dann hat es anfangs geregnet, und Ai Weiweis „Template“ ist eingestürzt. 

Leifeld: Das war nicht schlimm, weil Ai Weiwei das heiter aufgenommen hat. Aber natürlich haben wir da auch Fehler gemacht. In einem Gewächshaus im Sommer empfindliche Papierarbeiten zu zeigen, das erforderte mit der Klimatisierung und Verschattung nachträglich erhebliche technische Anstrengungen. Ich stelle mich Fehlern, und die Presse hat die Aufgabe, sie zu benennen. Aber was ich nicht verstanden habe, das war die Häme. Einmal saß morgens um 10 Uhr ein Fernsehteam am Pavillon, die sagten mir: Wir warten auf den nächsten Regen. Das hat mich geärgert.

Fotos: Die documenta und ihr Geschäftsführer Bernd Leifeld

Die documenta und ihr Geschäftsführer Bernd Leifeld

2012 gab es wieder die Suche nach Räumlichkeiten. 

Leifeld: Das hat die Arbeit der documenta 13 sehr geprägt. Es war ein enormer Aufwand, die Bespielung einer so großen Anzahl von Ausstellungsorten logistisch hinzubekommen. Aber die Vorbereitungen begannen eigentlich mit Kontakten zum diplomatischen Korps in Berlin, zum früheren Botschafter in Kabul. Wir haben das Thema Afghanistan zwei Jahre bearbeitet, ohne dass das jemand wusste, auch aus Gründen der Sicherheit. Breitenau war ebenfalls ein zentraler inhaltlicher Punkt der Ausstellung und hat viel Arbeitszeit gebunden. Wir haben lange diskutiert, ob die Ausstellung auch dort stattfinden sollte. Und ich habe bei dieser documenta die Aue kennengelernt. Ich bin kein großer Naturfreund, ich gehe auch nicht gerne spazieren, aber ich habe während dieser Ausstellung gelernt, was die Gartenarchitekten vor Jahrhunderten geplant hatten und bin inzwischen begeistert von dieser Parklandschaft.

Wichtig bei dieser documenta war auch das Vermittlungsprogramm mit den Worldly Companions und das unglaublich umfangreiche und vielfältige Begleitprogramm. Dieses Konzept hat gezeigt, dass man den Umgang mit zeitgenössischer Kunst lernen kann, dass man die Ausstellung sehen kann, ohne dass man über Deleuze promoviert haben muss.

Von Mark-Christian von Busse

Das ausführliche Interview mit dem scheidenden documenta-Geschäftsführer lesen Sie hier.

Quelle: mydocumenta

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