„Brain“ im Fridericianum ist die Schatzkammer der documenta 13

Aus Hitlers Wohnung: Frauenakt und Parfumflakon.

Kassel. Prinzessinnen bilden das Zentrum der documenta 13. Kleine Figuren, die aus Zentralasien stammen und um die 4000 Jahre alt sind. Elegant, majestätisch. Weiße Gesichtchen leuchten über fein verzierten Gewändern, sitzend verströmen die handgroßen „Baktrischen Prinzessinnen“ unendlich viel Würde und Ruhe.

Diese Statuetten stehen im Mittelpunkt der Schau - in jenem Allerheiligsten, das die documenta „Brain“ nennt, Gehirn.

Dieses Zentrum der documenta ist eine Schatzkammer. Im Erdgeschoss der Rotunde im Fridericianum hat Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev einen magischen Raum geschaffen, der die Ideen der documenta auf den Punkt bringen soll. Ein Konzentrat aus Kunst, Gebrauchsgegenständen und Ideen, abgeteilt mit einer Glasscheibe. Der Raum ist wenig beleuchtet, Lichtinseln beleuchten Vitrinen mit kleinen Objekten, manchmal auch nur Textblätter, kleine Bildchen, Postkarten, Keramiken.

Was hier steht, behält seine Bescheidenheit, trumpft nicht auf, zeigt auch Verwundungen und gewinnt aus all dem eine faszinierende Aura. Ein Ort, der Objekte und ihre Geschichten präsentiert, und der ihre Faszination auf uns deutlich macht. Vielleicht zieht er auch deshalb von Anfang an viele Besucher in seinen Bann.

In der Mitte des rückwärtigen Halbbogens stehen Gegenstände aus der Münchner Wohnung Adolf Hitlers. Eine kleine Plastik mit einem Frauenakt, ein Parfümflakon von Eva Braun. Kriegsfotografin Lee Miller hat die Objekte mitgenommen, als sie sich 1945 nach einem Dachau-Besuch in der Wohnung aufgehalten hat. Es gibt auch eine Fotoserie, auf der Miller in der Wohnung posiert - sitzend in Hitlers Badewanne. Bilder, die auch von der Schwierigkeit zeugen, von den Schrecken des Kriegs zu sprechen.

Würdevoll: Die „Baktrischen Prinzessinnen“ sind etwa 4000 Jahre alt. Die Statuetten stammen aus Zentralasien.

Der Afghane Mohammad Yusuf Asefi eignet sich ebenfalls unter Bedingungen des Krieges aufgefundenes Material künstlerisch an: In einer Ära, als in seiner Heimat die Taliban figurative Malerei zerstört hat, rettete er Gemälde, in dem er sie mit „neutralen“ Landschaftsansichten übermalte. Hier ist ein Landschaftsbild von Asefi zu sehen.

Mit Übermalungen arbeitet auch Tacita Dean. Sie hat historische Postkarten von Kassel ganz fein so überpinselt, dass ein heutiges Stadtdetail sichtbar wird, ohne die historische Erscheinung zu überlagern.

Wie Stolpersteine auf dem Boden liegen zwei medizinballgroße Steine von Giuseppe Penone: Ein gefundener Flussstein, ein behauener Marmorklotz, der exakt die Form des Findlings nachahmt. Wer hat hier Kunst geschaffen?

In einer Vitrine liegen Farbdias. Darauf dokumentiert der Chilene Horacio Larrain Barros das ökologische Projekt, mit großen Wänden den Nebel der Gebirgskämme einzufangen. Aus flüchtigen Wettererscheinungen wird eine lebensnotwendige Ressource geschöpft: Wasser für die Dürstenden.

Von Bettina Fraschke

Quelle: mydocumenta

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