Wie viel Förderung braucht die Ausstellung?

documenta 14: Brief an Adam Szymczyk zum Geburtstag - Die Lage ist bitterernst

Am Tag der Eröffnung: Adam Szymczyk. Foto: Fischer

Lieber Adam Szymczyk, ich vermute, an Ihrem heutigen 47. Geburtstag, zu dem ich Ihnen herzlich gratuliere, werden Sie nicht in Feierlaune sein.

Dass die von Ihnen angestoßene Verdopplung der documenta 14 in Athen teuer werden und den Ausstellungsetat überstrapazieren würde, war für alle Athen-Reisenden zu befürchten. Dass das Defizit so krass ausfallen würde, hat die schlimmsten Ahnungen übertroffen. Und es ist von böser Ironie, dass im Hinblick auf die griechische Schuldenkrise und das Loch im documenta-Budget Ihr Motto „Von Athen lernen“ jetzt nicht nur zu blöden Witzen Anlass gibt, sondern dass die Lage bitterernst ist.      

Dass Sie in Kassel so selten öffentlich in Erscheinung traten, hat mich persönlich nie gestört. Ich fand es sympathisch, dass Sie sich nicht vor jeder Kamera positionieren mussten, genauso, wie es mir imponiert hat, dass Sie Ihre Ausstellung mit einem Team von Kuratoren entwickelt haben, die selbst das Wort ergreifen und für die Ausstellung sprechen durften.  Aber es ist fatal, dass Sie in dieser Woche abtauchen, statt das Minus zu erklären. Statt darzulegen, was genau in Athen aus dem Ruder gelaufen ist.      Sie haben ja die Millionen nicht wie im Casino rücksichtslos verspielt oder sinnlos versenkt, sondern zwei gigantische, bisweilen überfordernde, oft aber auch beglückende Ausstellungen geschaffen. 

Es ist ein Jammer, dass das in allen d14-Bilanzen, nicht nur in den finanziellen, jetzt untergeht.     Doch im Moment ist der Schock so groß, bläst der Gegenwind, der die Instititution documenta erschüttert, so stark, dass alle Differenzierungen weggepustet werden.      Wie wertvoll und teuer uns die Kultur ist, darüber muss stets neu gestritten werden. Wie viel Förderung die documenta auf lange Sicht braucht, auch diese Debatte muss geführt werden. 

Geschäftsführerin Annette Kulenkampff hatte sie mit guten Gründen, aber absolut zur Unzeit, vor der Kasseler Eröffnung angestoßen. Man könnte auf Kostensteigerungen und Defizite andernorts und in anderen Feldern verweisen (Stichwort: Elbphilharmonie, Stichwort: Airport Kassel) oder auch darauf, dass Griechenland auf seine Krisenkredite bislang laut einer Berechnung des Finanzministeriums eine Milliarde Euro an Zinsen gezahlt hat, die Deutschland zugutekamen. Vor der Wucht dieser Zahl „7 Millionen“ verblasst das alles.      

Trotzdem wünsche ich Ihnen, dass die d14 in ein paar Jahren, wenn der aktuelle Sturm vorübergezogen ist, nicht nur als die „Pleite-documenta“ in Erinnerung bleiben wird, sondern in ihren Stärken und ihrer Bedeutung sowie mit den tollen Höhepunkten, die es ebenfalls reichlich gab – der Parthenon, der symbolische Langstreckenritt, die Abende in den Henschelhallen.        

Als wir uns Pfingstmontag zum Interview trafen, beantworteten Sie die Frage nach dem Rat Ihrer Vorgänger, diese hätten Sie gewarnt: „Man kann an einer documenta zerbrechen.“ Ihnen persönlich wünsche ich, dass das nicht geschieht.

Mit besten Grüßen, 

 Mark-Christian von Busse

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