Carolyn Christov-Bakargiev ist mit Kassel noch nicht warm geworden

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Nichts dem Zufall überlassen: Beim Fototermin mit dem documenta-Team überprüft "CCB", ob das Transparent gut aussieht.

Kassel. Ob Carolyn Christov-Bakargiev am Mittwochmittag die tausende Besucher der Pressekonferenz in der Stadthalle auf Deutsch begrüßt? Genau das hat die künstlerische Leiterin der documenta 13 bei praktisch jedem Kasseler Auftritt in Aussicht gestellt.

Die Sprachbarriere ist ein Grund, warum die 54-Jährige mit der documenta-Stadt noch nicht warm geworden ist.

Zwar blieben auch die programmatischen Äußerungen ihres Vorgängers Roger M. Buergel vor Beginn der documenta 2007 vage - aber anders als bei Christov-Bakargievs Vortrags-Nebelwerferei (wie bei ihrem Auftritt in der Kunsthochschule und bei der Verleihung des Bode-Preises an Goshka Macuga im Kunstverein) verschleierte er die Dinge wenigstens auf Deutsch.

Buergel hatte einen weiteren Startvorteil: Dass er mit Partnerin und Co-Kuratorin Ruth Noack sogleich nach Kassel zog, wo beide Kinder zur Schule gingen. „CCB“ hat zwar die geschichtsträchtige Wohnung der Brüder Grimm an der Schönen Aussicht bezogen, die zweifache Mutter pendelt aber zwischen ihren Wohnsitzen Rom und New York sowie Metropolen wie Kairo, London, Beirut, Brüssel und Buenos Aires, wo sie für die documenta warb, die Reihe der 100 Notizbücher vorstellte oder viele der rund 180 Teilnehmer zu Projektgesprächen traf. Für ihr junges Kasseler Team bedeutete dieses permanente Unterwegssein Stress pur. Wegen der Zeitverschiebungen gab es E-Mails und Skype-Konferenzen zu unmöglichen Zeiten, dazu kam CCBs ausgeprägtes Kontrollbedürfnis von Details - es kommt nicht von ungefähr, dass zwei bei Großausstellungen erfahrene Pressesprecher als d13-Kommunikatoren früh wieder hinschmissen.

Roger M. Buergel hatte mit seinem documenta-Beirat Engagement und Euphorie der Kasseler für die Weltkunstausstellung gefördert und kanalisiert. Auch „CCB“ hat sich intensiv mit der Fuldastadt auseinandergesetzt. Sie hat die 50er-Jahre-Architektur wie die wunderbaren alten Kinos für sich entdeckt, in einem symbolischen Akt reinigte sie mit Künstler Horst Hoheisel dessen Aschrottbrunnen am Rathaus, die Gedenkstätte Breitenau (Schwalm-Eder-Kreis) mit ihrer wechselvollen Geschichte betrachtet sie gar als heimliches Zentrum der documenta.

Sie kann wortreich und temperamentvoll erklären, worin die Wurzeln von Arnold Bodes erster documenta 1955 liegen, warum ihr Motto „Zusammenbruch und Wiederaufbau“ mit Kassel ebenso wie mit Kabul zu tun hat und warum ebendort ein Außenposten der documenta eröffnet werden soll. Die Herzen aber fliegen ihr nicht zu.

Zu abgehoben und rätselhaft scheinen vielen documenta-Beobachtern ihre Thesen, zu divenhaft ihre Auftritte (bei denen stets eine großzügige Verspätung einkalkuliert werden muss), zu bizarr manche ihrer Statements und Andeutungen, aber auch Pierre Huyghes am Valentinstag 2011 gezeigter Film „The Host and the Cloud“.

Viele Sympathien verlor „CCB“, als sie sich „schockiert“ zeigte über Stephan Balkenhols Figur, die für die Begleitausstellung der katholischen Kirche auf dem Turm von St Elisabeth errichtet worden war, ja sich von dieser „bedroht“ fühlte. Dass zur Eröffnung der Balkenhol-Schau am Sonntag Hunderte kamen, ist auch als demonstrativer Protest gegen den Alleinvertretungsanspruch der documenta für Gegenwartskunst zu deuten.

Balkenhols figurative Kunst mag überhaupt nicht zu Christov-Bakargievs documenta 13 passen, doch entsprach die Empörung der Chefkuratorin auch nicht der Rhetorik von Freiheit, Offenheit und Gleichberechtigung, die die documenta selbst propagiert. Zu der auch Christov-Bakargievs Bestreben, die Künstler möglichst vor den Medien zu schützen, so weit wie möglich Kontrolle über die Berichterstattung auszuüben, in merkwürdigem Widerspruch steht.

Christov-Bakargievs Angebot, zu einer Balkenhol-Eröffnung zu erscheinen, falls der Künstler seine Schau um ein Vierteljahr verschieben würde, konnte jedenfalls ebenso als Zeichen von Arroganz verstanden werden wie die Ankündigung, eine Million Besucher nach Kassel zu locken, als Anflug von Größenwahn.

Allerdings: Bei der Sydney Biennale 2008 – einer Großausstellung mit über 80 Künstlern - hat die Chefkuratorin CCB den Zuspruch tatsächlich um 37 Prozent auf 436 150 Besucher steigern können.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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