Projekt für documenta 4 wäre fast gescheitert

Christo in Kassel: Als „die Wurst“ in den Himmel stieg

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Pralle Wurst: Auch der dritte Versuch, Christos Kunstwerk zu errichten, scheiterte. Die riesige Hülle riss auf 20 Metern Länge auf, und der Koloss aus verpackter Luft landete wieder auf der Karlswiese.

Kassel. 1,2 Millionen Menschen sahen gerade Christos schwimmende Stege. Der Künstler nahm 1968 mit einem spektakulären Projekt an der documenta 4 teil, das fast gescheitert wäre.

Lange vor dem verhüllten Reichstag (1995) und den Floating Piers vom Iseo-See hatte auch Kassel sein Christo-Kunstwerk. Der bulgarische Künstler, der seit 1964 mit seiner Frau Jean-Claude in New York lebte, schuf 1968 ein spektakuläres Kunstwerk: Die „verpackte Luft“, die 85 Meter in den Himmel ragte, wurde zum Wahrzeichen der documenta 4 begründete Christos Weltruhm mit.

Endlich geschafft: Im vierten und letzten Versuch ist es am Samstag, 3. August 1968, gegen 4 Uhr gelungen, Christos Kunstwerk „5600 Cubic Meter Package“ aufzurichten. Die 85 Meter lange „Wurst“ aus verpackter Luft ragte über der Karlswiese in den Himmel und blieb bis 26. Oktober stehen.

Der Volksmund und die HNA hatten viele Namen für die außergewöhnliche Plastik, die offiziell den Namen „5600 cubic meterpackage“ (5600-Kubikmeter-Paket) trug: Monster-Zigarre, Super-Salami, Aue-Spargel, Windbiedel oder einfach nur „die Wurst“. Sie zog schon während der Vorbereitungen für die documenta die Aufmerksamkeit auf sich. Doch das Kunstprojekt auf der Karlswiese drohte gleich mehrfach zu scheitern. Gleich zweimal misslang der Versuch, „die Wurst“ pünktlich zur Eröffnung der Weltkunstausstellung am 26. Juni 1968 zu errichten. Immer wieder platzte die Plastikpelle, und der Schlauch sackte in sich zusammen. Auch eine neue Spezialhülle aus den USA hielt dem Druck nicht stand.

Doch der damals 33 Jahre alte Christo gab nicht auf und holte sich Hilfe in der Region: Die Kaufunger Firma Wülfing und Hauck entwarf in Windeseile einen Textilschlauch aus Trevira. Der hielt und richtete sich am Morgen des 3. Augusts endlich auf - 85 Meter hoch und nur mit Luft gefüllt, wie es Christo erdacht hatte.

Die Wurst 1968: Christos Kunstwerk für die documenta 4 in Kassel

Dafür brauchte es ein Großaufgebot an Helfern, darunter die Kasseler Berufsfeuerwehr und die britische Rheinarmee: Die Soldaten legten auf der nach mehreren Fehlversuchen stark lädierten Karlswiese Stahlmatten aus, auf denen sechs Kräne positioniert werden konnten. Sie hielten den gigantischen Schlauch in Position, ehe er - nur von Stahltrossen gestützt - vom Luftdruck selbst aufrecht gehalten wurde.

Fast drei Monate ragte das Wahrzeichen der documenta 4 in den Himmel über Kassel. Dann wurde „die Wurst“ wieder abgebaut. Christo bot sie für 800 000 Mark an, doch es fand sich kein Käufer.

Aus unserer Zeitung

„Aus einem Kasseler Hotel mußte Christo ausziehen. Gäste hatten sich über die langen Haare des 1935 in Bulgarien geborenen und in New York lebenden Künstlers beschwert.“ 

Aus einem Vorbericht zur documenta 4 (9. Mai 1968)

„Christos ,Bockwurst‘ platzte. Füllung endete mit Knalleffekt – documenta ohne Wahrzeichen?“ 

Überschrift nach dem ersten Versuch, das Kunstwerk zu errichten (25. Juni 1968)

„Wie von Furien gehetzt umkreist Christo (33, in roter Jacke und brauner Hose) nervös das Gebilde. Mal in kurzen, dann in weiten Kreisen. Ihm geht es nicht schnell genug. (…) Und Frau Christo (in Netzstrümpfen und rotem Hütchen) drückt auf den Auslöser ihres Fotoapparats, wenn sie sich nicht auch wie ihr Mann gerade mit jemandem ,in der Wolle hat‘.“ 

Bericht vom vierten, geglückten Versuch, das Kunstwerk aufzustellen. (5. August 1968)

„Seit zweieinhalb Jahren lebt er in Kassel. ,Eigentlich müßte ich Liechtensteiner sein, denn meine Eltern sind es beide. Ich wurde aber in Offenbach geboren‘, sagt der sympathische, junge Mann, der es für das Sinnvollste auf dieser Welt hält, sich mit 26 Jahren noch keine Sorgen darüber zu machen, wie der übernächste Tag aussieht.“ 

Bericht über Udo Brandner, der das Kunstwerk bewacht hat (19. Oktober 1968)

Erinnern Sie sich an Christos spektakuläres Kunstwerk? Haben Sie Bilder vom Wahrzeichen der documenta 4?

Dann schicken Sie sie an kontakt@hna.de oder per Post an HNA-Lokalredaktion Kassel, Frankfurter Straße 168, 34121 Kassel

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